Bildungsräume neu denken

Wie können Lernumgebungen gestaltet werden, die den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern entsprechen und zeitgemäße Bildung ermöglichen? Antworten bieten die innovativen Konzepte für Schulen der dänischen Design-Agentur Rosan Bosch Studio.

Rosan Bosch

Wenn für Schülerinnen und Schüler die Pflichtschulzeit endet, haben sie viele tausend Stunden im Schulgebäude verbracht. Das gleiche gilt für Lehrkräfte – für sie ist das Gebäude tagtäglicher Arbeitsplatz. Die Bedeutung einer anregenden Lern- und Lehrumgebung ist schon länger bekannt, in diesem Zusammenhang wird oft vom Raum als dritter Pädagoge gesprochen. Denn die Gestaltung des Lernumfelds kann fördernde, aber auch hindernde Auswirkungen auf das Lernen und Lehren haben. Schulen, die sich auf den Weg machen, individualisiertes und digitales Lernen im Schulalltag zu verankern, stoßen früher oder später immer auf die Frage der Raum- und Flächennutzung. Auch Schulen im Netzwerk „bildung.digital – Netzwerk ganztägig bilden“ haben bereits mit der Umgestaltung verstaubter Computerräume begonnen, wie die Gesamtschule Battenberg mit ihrem Lernzentrum oder die Grundschule Rahewinkel mit einer Digitalen Werkstatt.


Unterschiedliche Lernsituationen in multifunktionalen Lernbereichen ermöglichen

Innovative Konzepte für besondere Lernumgebungen bietet auch das dänische Rosan Bosch Studio.  Die Design-Agentur von Rosan Bosch gestaltet Schulen, die Schülerinnen und Schülern eine Vielzahl unterschiedlicher Lernsituationen angepasst an Ihre Bedürfnisse bieten. Ihre Entwürfe sind geprägt von multifunktionalen Lernbereichen, einer farbenfrohen Ausstattung, Gemeinschaftsräumen und Rückzugsmöglichkeiten, fernab der Gestaltung eines üblichen Klassenzimmers. Die Agentur beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie Lernumgebungen gestaltet werden können, die Schülerinnen und Schüler motivieren, ihre natürliche Neugier aufrechterhalten und somit den Lernprozess fördern können. Gründerin Rosan Bosch sprach am 13. Juni 2018 auf dem dritten Beratungsforum des Programms „Ganztägig bilden“ in Berlin, welches die Ganztagsschule als attraktiven Lern- und Arbeitsort in den Fokus stellte.
Bei der Planung und Umsetzung setzt die Agentur auf partizipative Formate, um im Design immer auch Schulorganisation und Pädagogik miteinzubeziehen und so die Bedürfnisse der Lehrenden wie Lernenden gleichermaßen berücksichtigen zu können. Schulleitungen werden angeregt ihre Schulstrukturen zu reflektieren, Schülerinnen und Schüler werden befragt, was sie sich von ihrer Lernumgebung wünschen. Die Motivation der Schülerinnen und Schüler ist der Schlüssel für ihren Lernerfolg. Ihre Lernerfahrung wird bei der Gestaltung der Lernsettings in den Mittelpunkt gestellt. Um dies zu gewährleisten hat die Design-Agentur sechs Prinzipien entwickelt, die bei der Gestaltung von Lernumgebungen bedacht werden sollen. Jedes Prinzip, dargestellt durch eine Metapher, deckt immer die drei Aspekte – Pädagogik bzw. konkrete Lernsituationen, die Organisation des schulischen Alltags und das Design des Bildungsraums ab und kann auch auf digitale Lernumgebungen angewandt werden.

Die sechs Schlüssel-Prinzipien von Rosan Bosch


Mountaintop (Berggipfel):

Eine Lernsituation, die die klassische Einweg-Kommunikation, wie Vorträge oder Reden von Lehrkräften oder auch Schülerinnen und Schülern zu kleinen oder großen Gruppen unterstützt. Die Umgebung und Akustik sollte sich auf diese Anforderungen ausrichten. So können z. B. teppichbezogene Treppenstufen eine theaterähnliche Atmosphäre mit Freiraum zum Sprechen schaffen.


Cave (Höhle)

Diese Lernsituation unterstützt das konzentrierte individualisierte Lernen. Durch die unterschiedliche Ausgestaltung verschiedener Rückzugsmöglichkeiten, können individuelle Ansprüche an eine konzentrationsfördernde Lernumgebung berücksichtigt werden. Schülerinnen und Schüler möchten z. B. geschützt vor den Blicken anderer, trotzdem den Überblick über das Geschehen bewahrend, in ruhiger Atmosphäre, mal liegend, mal stehend oder auch mit viel Licht lernen.


Campfire (Lagerfeuer)

Campfire ist eine Metapher für das Arbeiten im Team. Hier werden Gruppensituationen ermöglicht. Dialogfördernde Räume, die sinnbildlich eine Lagerfeueratmosphäre schaffen, unterstützen dabei. Z. B. durch Möbelstücke, die individuell angeordnet werden können und so für Gruppenarbeiten je nach Bedarf der Gruppenmitglieder anpassbar sind.


Watering Hole (Wasserstelle)

Dieses Prinzip ist eine Metapher für Räume, in denen Schülerinnen und Schüler aufeinandertreffen und in Austausch geraten, z. B. in den Pausen. Diese Bereiche ermöglichen eine zwanglose Atmosphäre und den informellen Dialog und Wissensaustausch, sodass Kreativität und Innovation gefördert werden.  U. a. Korridore oder Aufenthaltsbereiche können hierfür entsprechend gestaltet werden.


Hands On (Praxis)

Eine Lernsituation, die nicht unbedingt ein eigener Bereich sein muss, sondern auch in andere Lernsituationen integriert werden kann. Hier wird Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben durch praktische Tätigkeiten zu lernen. Das können eigens geschaffene Kunsträume, Tonstudios oder Labore sein oder auch nur die Integration von Strukturen „Zum Anfassen und Machen“ in andere Bereiche.


Movement (Bewegung)

Dieses Prinzip geht auf das Bedürfnis junger Menschen nach Bewegung ein. Indem Bereiche geschaffen werden, die körperliche Bewegung wie Rennen oder Springen möglich machen, können Schülerinnen und Schüler Energie loswerden, um danach wieder besser zu lernen. Manchmal können dies auch Aktivitäten sein, die direkt mit dem Lernen zusammenhängen. Diese Räume sind jedoch nicht zu verwechseln mit der klassischen Sporthalle oder dem Gymnastikraum.

Behält man die sechs Prinzipien des Rosan Bosch Studio bei der Gestaltung von Schulen und Lernumgebungen im Blick, kann ein differenziertes Lernen und somit auch der Erwerb und die Gestaltung zeitgemäßer (digitaler) Kompetenzen und Umwelt ermöglicht werden. Für Rosan Bosch ist intrinsische Motivation der Schlüssel zu Bildung. Durch Design kann Motivation geschaffen werden, indem man motivierende Lernumgebungen gestaltet, die sich an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler orientieren. Eine Lernumgebung, die motiviert und stimuliert, stellt den Raum wiederum als dritten Pädagogen dar: eine Umgebung die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, das Lernen selbst zu lernen.

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