Digitale Kompetenzen für eine zeitgemäße Demokratiebildung

Warum gibt es keine Digital Natives? Wie zahlen digitale Kompetenzen auf eine zeitgemäße Demokratiebildung ein? Und der Digitalpakt? Auf einer Fachveranstaltung anlässlich des Tags der Bildung wurden Antworten hierzu diskutiert.

Anlässlich des Tags der Bildung organisierte „bildung.digital“ am Abend des 6. Dezembers 2018 gemeinsam mit den DKJS-Programmen „OPENION – Bildung für eine starke Demokratie“ und „Technovation“ eine Fachveranstaltung, um die Themen Digitalisierung und Demokratiebildung in den Fokus zu stellen. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Praxis, Wissenschaft und Politik wurde in Berlin unter dem Thema „Demokratiebildung und Digitalisierung: Bildung für morgen gemeinsam gestalten“ darüber diskutiert, wie die fortschreitende Digitalisierung die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen verändert und welche demokratischen Handlungskompetenzen sie benötigen, um mit Unsicherheiten im digitalen Zeitalter umzugehen.
 

Das Vertrauen ins Internet ist gesunken – die Abhängigkeit jedoch gestiegen

In Ihrer Keynote stellte Meike Otternberg vom Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) klar, dass die vermeintlichen Digital Natives nicht automatisch mit den Kompetenzen und dem Wissen über den sicheren Umgang im Internet ausgestattet sind, nur weil sie im Zeitalter der Digitalisierung geboren wurden. Die Ergebnisse der aktuellen DIVSI-Studie zur Nutzung und Einstellung von 14- bis 24-Jährigen zum Internet „Euphorie war gestern. Die ‚Generation Internet‘ zwischen Glück und Abhängigkeit?“ zeigen, dass Jugendliche unter 25 Jahren heute zwar täglich online sind und die digitale Welt fester Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit ist, die Unsicherheiten und negativen Einstellungen zur Nutzung des Internets jedoch zunehmen.

Digital Natives gibt es nicht. Ein Großteil der Jugendlichen kennt den Begriff, aber lehnt ihn auch vehement ab. Es ist kein Selbstläufer ein Digital Native zu sein, sondern digitale Kompetenz ist hart erarbeitet.

Meike Otternberg, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI)

Die Jugendlichen sehen das Internet zwar als große Vereinfachung des Alltags an und können sich eine Lebenswirklichkeit ohne es kaum vorstellen. Sie stoßen bei einer durch die Digitalisierung bestimmte Zukunft jedoch an Ihre Grenzen. Dem Gefühl der Vereinfachung steht die Sorge gegenüber, immer und bei allem auf das Internet angewiesen zu sein, ohne zu wissen, wie man sich sicher und kompetent verhalten kann. Der ständige Druck online präsent zu sein, in Echtzeit reagieren zu müssen und sich der digitalen Welt nicht entziehen zu können, führe zu einer diffusen Analogsucht.  Sicherheit und Vertrauen bilden die Steuerungselemente für einen kompetenten Umgang mit und in der digitalen Welt. Die Studienteilnehmenden gaben jedoch an, dass sie sich den Herausforderungen der digitalen Zukunft nicht gewachsen fühlen und wünschen sich eine bessere Vorbereitung.
 

Ohne digitale Kompetenzen ist eine zeitgemäße Demokratiebildung nicht möglich

Im Mittelpunkt der anschließenden Gesprächsrunde stand die Frage, wie junge Menschen befähigt werden können, eine digitalisierte und demokratische Zukunft mitzugestalten. Auf dem Podium diskutierte Petra Caspers-Naujoks, Schulleiterin der Mittelpunktschule Hartenrod aus dem Netzwerk „bildung.digital – Netzwerk ganztägig bilden“ gemeinsam mit Helmut Holter, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Thüringen und amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz, Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, und Meike Otternberg.
Helmut Holter bekräftigte, dass Politik Schulen als Lern- und Lebensort für Demokratie mit der Stärkung der digitalen Ausstattung und Kompetenz unterstützen müsse und kommentierte damit auch den zuvor an diesem Tag gestoppten Digitalpakt. Lernen finde überwiegend noch offline statt und digitale Bildung wird in der Wahrnehmung von Jugendlichen vor allem mit Informatikunterricht und PowerPoint-Kenntnissen gleichgesetzt. Ein Problem, das mit der KMK-Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“ angegangen werden soll.
Auch Petra Casper-Naujoks betonte, wie wichtig die Mittel des Digitalpaktes sind. Ihre Schule habe sich im Netzwerk „bildung.digital – Netzwerk ganztägig bilden” bereits mit den wichtigsten Planungen und Vorbereitungen für die Umsetzung des Beschlusses beschäftigt, Lehrkräfte seinen geschult worden, benötige nun aber finanzielle Unterstützung vom Land. Nur so können wichtige Medienkompetenzen vermittelt werden, die für eine zeitgemäßge Bildung und demokratische Bildung nötig sind.

Wir wollen unsere Schülerinnen und Schüler nicht auf unsere Vergangenheit sondern unsere Zukunft vorbereiten.

Petra Caspers-Naujoks, Schulleiterin der Mittelpunktschule Hartenrod

Wechselseitiges Lernen und Kooperationen mit Schulen und außerschulischen Partnern wie im Netzwerk “bildung.digital – Netzwerk ganztägig bilden” können dabei gute Unterstützung leisten und gemeinsam einen Pool an multiprofessionellem Wissen in diesen Bereichen aufbauen. So profitierte die Schule bei der Entscheidung zur Einführung von iPads insbesondere vom Besuch Ihrer Netzwerk-Partnerschule und den dortigen Erfahrungen. Gemeinsam mit „OPENION“ setzt die Schule außerdem ein Demokratieförderungsprojekt um. Für den Auf- und Ausbau eines Kinder- und Jugendparlaments mit der Stadt spielt auch die Vermittlung digitaler Kompetenzen eine wichtige Rolle – eine methodisch zeitgemäße Demokratiebildung sei sonst nicht möglich. In der Schule setzt diese schon bei der Frage zu Smartphone-Regelungen ein. Die Schülerinnen und Schüler wurden bei der Entscheidungsfindung mit einbezogen – und entschieden sich letztlich gegen Smartphones in der Schule. Kinder und Jugendliche müssen erleben, was und wie sie selbst gestalten können. Und das geht nicht durch Appelle, sondern nur durch nützliche und zeitgemäße Methoden und den Raum für Handlungsmöglichkeiten, darin war man sich an diesem Abend einig.

Jugendliche beantworten mit digitalen Ansätzen ihre Fragen des Lebens.

Petra Caspers-Naujoks, Schulleiterin der Mittelpunktschule Hartenrod

Wie lassen sich Demokratiebildung und Digitalisierung in der Praxis erfolgreich verbinden und welche Schritte müssen getan werden? Potential sahen die Anwesenden bei der Entwicklung der Schulkultur. Schulen müssen zu einem demokratisch(er)en Ort entwickelt werden, an dem Kinder und Jugendliche mehr Beteiligung erfahren. Es hilft nicht, Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass sie entscheiden können, sondern sie müssen wirklich entscheiden dürfen. Ein höherer Grad an Mitbestimmung stellt auch neue Herausforderungen an die Schulen und ihre Mitarbeitenden, sie müssen gemeinschaftlich Bereitschaft zeigen, neue Wege zu gehen und sich selbst stärker der Digitalisierung öffnen.

Über den Tag der Bildung

Der Stifterverband, die SOS-Kinderdörfer weltweit und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam zu mehr Bildungschancen beizutragen und aktiv Verantwortung dafür zu übernehmen. Dazu initiieren sie unter anderem den Tag der Bildung, der am 8. Dezember 2018 zum vierten Mal stattfand. Weitere Informationen zum Tag der Bildung, zu Veranstaltungen, Initiatoren und Unterstützern sind unter www.tag-der-bildung.de verfügbar.


Eine Aufzeichnung der Fachveranstaltung vom 06. Dezember finden Sie demnächst auf dem OPENION-Themenportal unter www.openion.de/themenportal.

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