Von internen Ressourcen profitieren

Im Rahmen von Mikrofortbildungen können Lehrkräfte ihr digitales Wissen innerhalb des Kollegiums praxisnah weitergeben und so helfen, digitale Strukturen an ihren Schulen auszubauen.

Fortbildung im Kollegium mit lockerer Atmosphäre

Soll die digitale Entwicklung einer Schule vorangetrieben werden, ist dafür vor allem eines wichtig: Lehrkräfte, die die Kompetenz besitzen, digitale Angebote sinnvoll in den Unterricht zu integrieren. Mikrofortbildungen sind eine Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer mit dem nötigen Wissen, aber auch dem entscheidenden Quäntchen Motivation auszustatten – günstig, flexibel, ohne großen Aufwand und auf die individuellen Bedingungen der jeweiligen Schule zugeschnitten, weil das Wissen direkt aus dem Kollegium kommt.
In einem „bildung.digital“-Webinar erläuterte Jan Vedder, der als Lehrer und Spezialist für Schul- und Unterrichtsentwicklung unter den Bedingungen der Digitalisierung das Format Mikrofortbildung an seiner Schule eingeführt hat, uns und den Teilnehmenden der Netzwerkschulen von „bildung.digital – Netzwerk ganztägig bilden“, was Mikrofortbildungen sind und worauf es bei ihrer Umsetzung ankommt.
 

Each one teach one

Die Idee hinter Mikrofortbildungen beruht auf dem Prinzip „Each one teach one“: Lehrerinnen und Lehrer mit Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien teilen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse mit dem Kollegium ihrer Schule und bilden dieses so weiter. Anstatt die Lehrkräfte in externe Fortbildungen zu schicken, die oftmals teuer und in der Planung wenig flexibel sind, einen hohen Zeitaufwand darstellen und mitunter einen langen Vorlauf benötigen, sollen die eigenen Ressourcen und Potenziale im Kollegium genutzt werden – direkt vor Ort an der Schule. Diese Grundidee beschränkt sich natürlich nicht auf das Thema digitale Medien, ist aber besonders gut geeignet, um neue digitale Infrastrukturen, Formate und Angebote an Schulen aufzubauen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Vorteilen, wie die wesentlichen Prinzipien von Mikrofortbildungen zeigen:

Die Prinzipien von Mikrofortbildungen

  • Aus dem Team für das Team: Die Expertise stammt aus dem Kollegium selbst. Da Mikrofortbildungen direkt an der eigenen Schule angeboten werden, orientieren sie sich zudem an den tatsächlichen Bedingungen der jeweiligen Schule, anstatt an nicht vorhandenen Idealbedingungen.
  • Guide on the Side: Die Expertinnen und Experten sind auch später – in der Phase der Umsetzung des Gelernten – noch direkt ansprechbar und können das Projekt begleiten, da alle an derselben Schule arbeiten. So wird ein dauerhafter Austausch möglich.
  • WeQ statt IQ: Mikrofortbildungen profitieren von Teamwork. Anstatt nur nach Einzelpersonen, kann auch nach Teams gesucht werden, die das zu vermittelende Wissen gemeinschaftlich zusammentragen.
  • Kurz & knackig: Mikrofortbildungen finden in einem kleinen Rahmen von ca. 30–60 Minuten statt. Sie wirken nicht überfrachtend und überfordern die Teilnehmenden nicht mit zu vielen Inhalten. Die Inhalte können daher zeitnah direkt ausprobiert werden und geraten nicht nach ein paar Wochen wieder in Vergessenheit.
  • Geringer Aufwand: Es gibt keine bzw. maximal eine geringe Ausfallzeit der Lehrkräfte, denn diese sind nicht tagelang weg. Die Fortbildungen finden mit kurzen Wegen dort statt, wo sie genutzt werden sollen – im Klassenraum.
  • Vielfältige Angebote: Durch regelmäßige Mikrofortbildungen kann ein großes Spektrum verschiedener Themen und Kompetenzen vermittelt werden.

Im Mittelpunkt der Mikrofortbildungen stehen stets die unmittelbaren Unterrichtserfahrungen der Referierenden, kein fertiges und perfektes „Produkt”, das allumfassend vorgestellt werden muss. Werden Mikrofortbildungen durchgeführt, ermöglichen sie den Teilnehmenden nicht nur einen entscheidenden Wissenszuwachs für die digitale Entwicklung ihres Unterrichts. Sie tragen auch wesentlich zum Empowerment der Lehrkräfte bei, also zu Selbstbefähigung und der Stärkung von Lernautonomie. Schließlich bleiben Lehrende immer auch Lernende und müssen die eigenen personalen Kompetenzen im Schulalltag, insbesondere hinsichtlich des Einsatzes digitaler Medien, stets weiterentwickeln. Richtig umgesetzt können Mikrofortbildungen zu einem wichtigen Baustein der digitalen Entwicklung einer Schule werden. Sie lösen zwar nicht die großen Fragen und Probleme, mit denen Schulen im Rahmen ihrer Digitalisierung konfrontiert werden, aber sie ermöglichen einen ersten Schritt dahin, Erfahrungen mit neuen Medien und Unterrichtsformen zu machen und aktiv Dinge auszuprobieren. Diese Erfahrungen helfen Schulen wiederum dabei, ein Medienkonzept zu erstellen und stetig weiterzuentwickeln. Um Mikrofortbildungen an Ihrer Schule anzubieten, sind vorab sechs Schritte durchzuführen:

Sechs Schritte zur Durchführung von Mikrofortbildungen

  • Format festlegen: Mikrofortbildungen lassen sich in verschiedensten Formaten anbieten, z. B. als „digitale Mittagspause“, als „Fobi-Snacks am Morgen“ in der ersten oder zweiten Stunde, als „Wissen vor 8“ vor Unterrichtsbeginn oder auch als „Kurskiosk“ mit Fortbildungen auf Bestellung.
  • Zeitrahmen festlegen: Meist empfiehlt sich ein Umfang von 30–60 Minuten, z. B. entsprechend einer Unterrichtsstunde 45 Minuten. Es gilt jedoch, flexibel zu bleiben und den zeitlichen Rahmen ggf. an die Inhalte anzupassen. Auch hier können selbstverständlich schulische Besonderheiten beachtet werden.
  • Ablauf festlegen: Es sind ganz verschiedene Abläufe möglich. Ein gängiges Modell ist beispielsweise: Eine kurze Inputphase, gefolgt von einer direkten Praxisübung, anschließend das Sammeln von Beispielen aus dem und für den Unterricht und abschließend das Bereitstellen von Handouts mit Links zu Tutorials, Angeboten etc.
  • Expertinnen und Experten festlegen: Mikrofortbildungen können von einer Person, aber auch im Team durchgeführt werden. Auch Schülerinnen und Schüler können zur Unterstützung eingebunden werden, um ihre Expertise an ihre Lehrkräfte weiterzugeben. Dies ist oftmals eine ganz besondere Bereicherung für das Lernklima und eine tolle Erfahrung für die Kinder und Jugendlichen.
  • Vorbereitung und Planung: In die konkrete Planung startet man meist nach der Festlegung der oben genannten Rahmenbedingungen mit der Schulleitung. Hier gilt es zunächst zu schauen, an welchen Themen Interesse besteht, z. B. über Aushänge,  Online-Listen oder Abstimmungen in Kollegiumssitzungen. Sind die Mikrofortbildungen konstant gut besucht, kann auch ohne Anmeldungen gearbeitet werden. Die Interessenermittlung und die Auswahl der Referierenden sind oftmals aneinander gekoppelt, da die Fortbildungen auf deren individuellen Erfahrungen basieren. Anschließend sind Termin und Raum festzulegen sowie ggf. eine Entlastung bzw. Anerkennung zu vereinbaren. Lösungen sind hierbei stark schulspezifisch, z. B. indem weniger Pausenaufsicht geleistet werden muss.
  • Themen und Inhalte festlegen: Bestenfalls wird ein möglichst breites Spektrum an Themen angeboten, um unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen anzusprechen.

Fragen und Antworten zur Umsetzung von Mikrofortbildungen

Abseits grundlegender Prinzipien und Schritte können Schulen auf dem Weg zur Durchführung von Mikrofortbildungen vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Um Sie dabei zu unterstützen, finden Sie an dieser Stelle einige der wichtigsten Fragen und mögliche Antworten darauf.

Welche Frequenz empfiehlt sich für das Anbieten von Mikrofortbildungen?
Circa einmal alle drei Wochen. So ist auch genug Zeit, das Gelernte zwischendurch im Unterricht auszuprobieren. Das sind dann circa 10–12 Termine im Schuljahr. Aber es lassen sich etwaige zeitliche Schwierigkeiten immer auch flexibel berücksichtigen, z. B. Ferien, Prüfungsphasen usw.

Wann finden Fragen, Rückmeldungen usw. nach einer besuchten Mikrofortbildung statt?
Hierfür braucht es keinen institutionalisierten Rahmen, dies kann flexibel im direkten Kontakt mit den Expertinnen und Experten stattfinden.

30 bis 60 Minuten sind recht knapp. Reicht das?
Der Zeitrahmen ist durchaus ambitioniert. Hier ist Fokussierung wichtig, maximal ein oder zwei Anwendungen sollten in einer Mikrofortbildung vorgestellt werden. Dies ermöglicht nicht nur prägnante Inputs, sondern macht es den Teilnehmenden auch leichter, das Präsentierte im Anschluss direkt auszuprobieren.

Wie geht man mit der Heterogenität der Teilnehmenden um? Manche Kolleginnen und Kollegen wissen schon viel zu einem Thema, manche sehr wenig.
Letztlich wie bei allen Lerngruppen. Nutzen Sie Tricks, die sie auch im Unterricht einsetzen. Zudem ist hier z. B. die Durchführung zu zweit von Vorteil. Eine Person kann im Publikum sitzen und denen, die mehr Unterstützung brauchen, helfen. Allein kann es durchaus eine Gratwanderung sein. Man will einerseits alle mitnehmen, andererseits auch die Fortgeschritteneren weiter voranbringen. Eine Möglichkeit, dies zu schaffen, ist z. B. die Bereitstellung einer Vorbereitungsgrundlage vorab (Stichwort: Lernautonomie der Lehrenden stärken!), um mit einem gemeinsamen Grundlevel in die Fortbildung zu starten.

Wie können Informationen – alternativ zu E-Mails – vorab zur Verfügung gestellt werden?
Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Geht es z. B. um eine Anwendung, mit der Inhalte präsentiert oder festgehalten werden können, kann diese direkt vorab als Medium genutzt werden. Ein Padlet kann vorher schon über Padlet informieren, ein Erklärvideo kann Erklärvideos erklären, ein Etherpad kann Etherpad vorstellen und so weiter.

Ist es sinnvoll, die Mikrofortbildungen nach Fächern zu gliedern?
Je nach Thema kann das sinnvoll sein. Meist sind es fächerübergreifende Themen, im Ideenteil bzw. Praxisteil der Fortbildung nach dem einführenden Input können dann gemeinsam Ideen für den konkreten Einsatz in den einzelnen Fächern gesammelt werden. Aber manchmal bietet sich je nach Thema natürlich auch eine Fortbildung für eine spezielle Fachgruppe an. Das kann dann entsprechend so angekündigt werden. Insgesamt empfiehlt sich eine gute Mischung der Themen – mal etwas für alle Fächer, mal etwas für einzelne.

Einige digitale Angebote, die man gerne vorstellen und nutzen würde, sind sehr teuer. Wie kann man damit umgehen?
Hier spielt der Motivationseffekt eine Rolle. Wenn mehrere Lehrkräfte die Anwendung vorgestellt bekommen und Lust haben, sie einzusetzen, gibt es auch die Möglichkeit, gemeinsam zur Schulleitung zu gehen und zu überlegen, ob eine Lizenz angeschafft werden kann.

Gibt es Fortbildungsbescheinigungen für Mikrofortbildungen?
Je nach Schule. So etwas kann angeboten werden, muss aber nicht. Zum Teil hängt das auch vom digitalen Profil der Schule ab. Solche Bescheinigungen sind beispielsweise kaum erforderlich, wenn aufgrund des Schulentwicklungskonzepts für alle Lehrkräfte und nicht nur für einen kleinen Kreis die Notwendigkeit dieser Themen besteht.

Wie sieht es mit der Auswertung und Evaluation von Mikrofortbildungen aus?
Es ist wahrscheinlich nicht notwendig, jede einzelne Mikrofortbildung zu evaluieren. Insgesamt ist es aber natürlich wichtig, Eindrücke und Ideen zu sammeln, etwa zum Format oder zur Themensetzung. Dies kann z. B. mit Umfragetools geschehen.

Wie kann man mit Skeptikerinnen und Skeptikern und Leuten, die sich gegen digitale Angebote stellen, umgehen?
Entkräften kann man so etwas z. B., indem man etwaige Einwände vorschießt und direkt widerlegt. Und es ist wichtig, die Gründe zu erkennen, warum sich Lehrkräfte verweigern. Denn oftmals äußern sie Vorwände, z. B. weil sie sich nicht die Blöße geben wollen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die die Schülerinnen und Schüler besser kennen, als sie selbst. Hilfreich ist auch, sich zu vergegenwärtigen, wen man eigentlich erreichen will. Diejenigen, die sich der Digitalisierung des Unterrichts verweigern, sind ja nicht unbedingt die, die man zuerst erreicht möchte. Erst mal muss man jene ins Boot holen, die dem Thema offener gegenüberstehen. Die Skeptikerinnen und Skeptiker sind meist auch nicht diejenigen, die zu Mikrofortbildungen gehen.

Viele der Mikrofortbildungen sollen sich aus dem Kollegium generieren. Oftmals empfinden Lehrkräfte es aber gar nicht als etwas Besonderes, wenn sie ein Spezialwissen haben, und halten dieses für beliebig, obwohl es für andere eine große Hilfe wäre. Wie kann man solche Lehrkräfte doch aktivieren, selbst eine Mikrofortbildung durchzuführen?
Dieses Problem stellt sich generell in Schulen und es ist auch eine Frage für die Schulleitungen, wie man die Ressourcen und Potentiale des Kollegiums nutzen kann. Es braucht Raum und Möglichkeiten, solches Wissen einzusetzen. Speziell bezogen auf Mikrofortbildungen ist es wichtig, eine positive Haltung vorzuleben und darauf zu verweisen, dass es nicht nötig ist, eine Anwendung vollkommen verstanden und durchdrungen zu haben, um sie vorzustellen. Wenn man so lange wartet, bis man ein Thema komplett durchdrungen hat, passiert gar nichts. Indem man das selbst vorlebt und auch kommuniziert, hat man die Möglichkeit, Lehrkräften zu zeigen, dass ihre Mikrofortbildung kein perfektes Produkt sein muss, nicht von A bis Z durchdidaktisiert sein muss, sondern eben auch flexibel, agil und offen sein kann. Man ist ja unter sich, das ist der große Vorteil dieses Formats, das schließlich auch eine gewisse Komfortzone bietet.

Wie agiert die Schulleitung an dieser Stelle? Welche Komponenten kann die Schulleitung beachten, damit eine Kultur der Mikrofortbildungen entsteht?
Dem Thema offen gegenüberzustehen bereitet den Boden. Dann findet man immer einen Weg. Optimal ist es natürlich, nicht nur den Raum zu schaffen, sondern auch selbst mal Mikrofortbildungen zu besuchen. Das hat eine große Signalwirkung für das Kollegium. Auch hier gilt es, vorzuleben und Haltung zu zeigen: „Uns ist das wichtig, uns interessiert das auch.” Und: „Ich bin Lernerin und Lerner, so wie du. Ich kann nicht alles, nur weil ich Schulleitung bin.” Das motiviert Lehrkräfte, auch selbst Mikrofortbildungen zu besuchen und anzubieten.

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