Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien

Eine neue Studie der Robert Bosch Stiftung gibt Empfehlungen, was an deutschen Schulen getan werden kann, um das Potenzial der Digitalisierung für die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern zu nutzen.

Personalsiertes Lernen

Personalisiertes Lernen, ein Ansatz bei dem auf jede Schülerin und jeden Schüler individuell eingegangen wird, verspricht gleiche Bildungschancen für alle Lernenden. Inwiefern digitale Medien dabei unterstützend wirken können, ist jedoch noch offen. In Deutschland ist personalisiertes Lernen mit digitalen Medien tatsächlich noch wenig verbreitet. Die Robert Bosch Stiftung hat deshalb in diesem Jahr eine Studie zu dieser Thematik veröffentlicht. In „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien. Ein roter Faden“ stellen die Autoren – ein Team aus europäischen Bildungs- und Erziehungswissenschaftlern – aktuelle internationale Erkenntnisse zusammen und zeigen: Digitale Medien bergen ein großes Potenzial, personalisiertes Lernen umzusetzen. Allerdings gibt es bisher kaum Evaluationsstudien, die die Wirksamkeit der neuen Lernmethode bestätigen. Vor diesem Hintergrund zeigen die Autoren Herausforderungen und Potenziale personalisierten Lernens mit digitalen Medien in Deutschland auf. Sie stellen 18 personalisierte Lernwerkzeuge genauer vor und geben pädagogischen Fachkräften Leitlinien zur Einführung personalisierten Lernens an die Hand.
 

Personalisiertes Lernen – eine Definition

Personalisiertes Lernen soll es allen Schülerinnen und Schülern ermöglichen, ihre persönlichen Ziele zu erreichen und all die Fähigkeiten zu erwerben, die sie sich wünschen. Was personalisiertes Lernen eigentlich bedeutet, ist nicht immer klar und eindeutig. Der Begriff kann je nach Kontext Verschiedenes bedeuten – etwa eigenständiges Lernen oder die Betonung individueller Kompetenzen. Auch die wissenschaftliche Literatur hält unterschiedliche Ansätze und Begriffe bereit. Die Autoren beschreiben personalisiertes Lernen als „lernerzentrierter Unterricht“ oder auch als „differenziertes“, „individualisiertes“ oder „kompetenzorientiertes“ Lernen und betrachten es über seine verschieden Dimensionen – also Makro- und Mikroentscheidungen in Bezug auf

  • Lernziele (Vorbereitung auf Prüfungen bis hin zu Maßnahmen, die den Schülerinnen und Schülern fundierte Entscheidungen ermöglichen sollen) und
  • Lernansätze (schülergesteuertes Lernen bis hin zu Unterstützung der Lernenden bei der eigenständigen Steuerung ihrer Lernprozesse),
  • Lerninhalte (Unterrichtsfächern wie bspw. Mathematik, wo sich Aufgaben und Lösungen klar definieren lassen, bis zu Lerninhalte, die sich auf Lebenskompetenzen beziehen und weniger genau definiert sind), 
  • Lernpfade (persönliche Lernpfade, die besondere Schwierigkeiten oder Erfolge der einzelnen Lernenden berücksichtigen),
  • Lerntempo (individuell bestimmte Lerntempi für jede Schülerin und jeden Schüler),
  • Sozialform (Kleingruppen bis hin zu einzelnen Schülerinnen und Schülern) und
  • Lernkontext (Lernen innerhalb des Klassenzimmers oder außerhalb davon, klassenübergreifend oder auch außerhalb der Schule)
     

Digitale Medien im Schulunterricht – Chancen und Potenziale

Wie die Autoren beschreiben, bedeutet die Einführung von personalisiertem Lernen in den Schulunterricht, einen Wechsel der Lernmethoden. Auch wenn dies natürlich Zeit und Ressourcen aller Beteiligten in Anspruch nimmt, lohnt sich die Verankerung digitaler Medien im Unterricht. Denn digitale Medien können Lernangebote mittels spezifischer Hardware oder Software (wie Apps oder Online-Plattformen) mehr oder weniger passgenau auf die Lernenden zuschneiden. So ermöglichen sie es den Schülerinnen und Schülern, zum Beispiel an anderen Orten als nur in Klassenzimmer und Schule zu lernen. Außerdem können diese ihr Lerntempo mit der richtigen Software selbst steuern, spezifische Übungen ganz einfach wiederholen oder sich Lernthemen in explorativer Lernumgebung selbst aneignen.
 

Digitale Medien und personalisiertes Lernen im Unterricht – die Herausforderungen

Im internationalen Vergleich werden digitale Medien in Deutschland bisher sehr wenig im Unterricht genutzt. Die Einführung personalisierten Lernens mittels digitaler Medien birgt auch deshalb einige Herausforderungen:  
Schulen benötigen eine entsprechende Ausstattungsdichte mit digitalen Geräten (eine 1:1-Ausstattung ist dabei optimal) um personalisiertes Lernen umsetzen zu können, zudem sollte eine Vielzahl an Geräten zur flexiblen Nutzung zur Verfügung stehen. Eine leistungsfähige Netzinfrastruktur ist ebenso von Bedeutung. Zu bedenken sind in diesem Zusammenhang auch die Kosten für technische Infrastruktur, Wartung und Support, Fortbildungen und Lehrmaterialien. Im Bereich von Open Educational Resources finden sich bisher nämlich noch wenig  Angebote für personalisierbare Lernprogramme und -umgebungen.
Die Einführung effektiven personalisierten Lernen bedingt immer einen Schulentwicklungsprozess, der den Entwicklungsbedarf auf Seiten der gesamten Schule und Lehrerschaft erkennt, immer auch eine Innovationsbereitschaft des Kollegiums einfordert und insbesondere eine Unterstützung der Lehrkräfte durch Fortbildungsmaßnahmen, zeitliche und organisatorische Freiräume sowie die Etablierung entsprechender Kooperationsstrukturen erfordert.
Das individualisierte Lernen mit digitalen Medien muss zudem mit weiteren Maßnahmen begleitet werden, damit nicht nur leistungsstarke Schülerinnen und Schüler davon profitieren. Das kann die Arbeit mit Kompetenzrastern, eine regelmäßige individuelle Lernberatung sowie die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler beim Erwerb von Strategien für selbstgesteuertes und eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten sein.
Die Schülerinnen und Schüler müssen ebenso dazu befähigt werden, sich in der digitalen Umgebung sicher zu bewegen und zu Themen wie Datenschutz, Rechtlichen Grundlagen oder medienethischen Fragen geschult werden. Und gleichzeitig müssen bei der Nutzung von personalisierten Lernwerkzeugen, -software und -apps durch Lehrende und Lernende auch Fragen zur Informationssicherheit und Datenschutz in Hinblick auf die Schülerdaten geklärt und gesichert sein.
 

Einführung von personalisiertem Lernen mit digitalen Medien – ein Leifaden

Im sechsten Kapitel der Studie formulieren die Autoren auf Basis ihrer vorigen Erkenntnisse verschiedene Leitlinien, um pädagogischen Fachkräften die Einführung personalisierten Lernens mittels digitalen Medien zu vereinfachen und ihnen eine Orientierungshilfe zu geben.

Leitlinie 1: Die Pädagogik voranstellen

Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien sollte Teil eines umfassenden pädagogischen Gesamtkonzepts sein, wobei trotz der Förderung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers immer der Anspruch und die Praxis des gemeinsamen Lernens, die Pädagogik im Vordergrund stehen sollte.

Leitlinie 2: Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien als Teil eines Blended-Learning-Ansatzes einführen

Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien sollte in den normalen Unterricht integriert werden. Die Schülerinnen und Schüler sollten also auch weiterhin miteinander und mit den Lehrkräften agieren, sie sollten mit Heft, Büchern und Stiften arbeiten und von Pädagogen unterstützt werden.

Leitlinie 3: Die Einführung personalisierten Lernens mit digitalen Medien als Schulentwicklungsprozess begreifen

Die Einführung personalisierten Lernens mit digitalen Medien sollte als Schulentwicklungsprozess begriffen werden. Das heißt:

  1.  Lehrkräfte und Administratoren sollten fachliche Weiterbildungen erhalten.
  2. Es sollten Kooperationen unter den Lehrenden gefördert werden (z. B. fächerübergreifende Ad-hoc-Workshops, Erfahrungsaustausch zwischen jüngeren und älteren Lehrkräften, Dokumentation bewährter Methoden)
  3. Es sollte effektives Veränderungsmanagement durch die Schulleitung betrieben werden.
  4. Den Lehrkräften sollte genügend Zeit eingeräumt werden, ihre Unterrichtspraktiken anzupassen.
  5. Es sollte für eine solide und verlässliche IT-Infrastruktur gesorgt werden.

Leitlinie 4: Für die Flexibilität sorgen, die personalisiertes Lernen mit digitalen Medien erfordert

Es sollte dafür gesorgt werden, das Lehrende und Lernende über die nötige Flexibilität hinsichtlich curricularen Zielsetzungen, der Infrastruktur und der Beurteilungsformen verfügen, um Wahlentscheidungen, die personalisiertes Lernen mit digitalen Medien erfordert, treffen zu können. Das bedeutet für Schulleitungen und Lehrkräfte:

  1.  Flexibilität hinsichtlich der curricularen Zielsetzungen, u. a. Zulassung einer Vielzahl von Lern- und Lehransätzen im Unterricht, Gruppen von Lernenden in unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung bilden
  2. Flexibilität hinsichtlich der Beurteilungsformen, u. a. analysieren, wie sich Leistungsbeurteilungen auf das Lernen auswirken und ausführlich untersuchen, wie das Beurteilungssystem verbessert werden könnte

Leitlinie 5: Sicherheit gewährleisten, um selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen

Die Online-Sicherheit der Schülerinnen und Schüler muss gewährleisten sein. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern sollten klare, konsequente und eindeutig formulierte Grundsätze zur Nutzung digitaler Medien entwickelt werden und Fähigkeit, sich gegen Onlinemobbing zu wehren, vermittelt werden.

Leitlinie 6: Verstehen, wie digitale Medien Daten nutzen, um Lernen zu personalisieren

Schulleitungen und Lehrende sollten verstehen, wie digitale Medien Daten nutzen. Sie müssen außerdem die Datensicherheit aller Beteiligten unter vollständiger Beachtung der EU-Datenschutz-Grundverordnung sicherstellen.

Empfehlungen und Handlungsschritte

In der Zusammenfassung ihrer Studie beschreiben die Autoren noch einmal die Vorteile des Konzepts personalisierten Lernens mit digitalen Medien. Betonen aber auch, dass der Erfolg dieser neuen Lernform entscheidend von folgenden Kriterien abhängt: Gelingt es, die grundlegenden menschlichen Dimensionen des Lernens zu berücksichtigen? Haben alle Interessengruppen – Politik, Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler – begriffen, warum Personalisierung wichtig ist und wie man ihr Potenzial maximiert? Zum Abschluss geben die Autoren noch Empfehlungen für die nächsten Handlungsschritte auf politischer Ebene und auf administrativer Ebene.

Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien – Ein roter Faden

Hier können Sie die Studie herunterladen

Hier finden Sie die Website zur Studie.

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