Digitalisierung – eine Frage der Notwendigkeit

Kai Wörner, Lehrer an der Realschule am Europakanal in Erlangen, spricht im Interview über seinen Pilotversuch DiBiS „Digitale Bildung im Seminar“ in der Seminarausbildung von Referendaren und den digitalen Wandeln an Schulen.

Kai Wörner ist Lehrer an der Realschule am Europakanal in Erlangen, außerdem ist er in der Lehrerausbildung tätig. Im Rahmen des Schulversuchs „Digitale Schule 2020“ hat er den Pilotversuch DiBiS „Digitale Bildung im Seminar“ entwickelt. Sein Ziel ist es, die Digitalisierung von Schulen in der Lehrerausbildung verbindlich festzuschreiben. 
Anderen Schulen rät er, das Thema kontinuierlich mitzudenken – mit vielen kleinen Fortbildungen und Gesprächen. An seiner Schule hat sich zum Beispiel ein Patensystem etabliert, wo jeder Kollege einem etwas Versierterem zugeordnet ist. So können zeitnah und unkompliziert Fragen zu digitaler Bildung geklärt werden. 
Generell rät er auch dazu, sich immer erst mal zu informieren: Welche Konzepte für Fortbildungen und digitalem Wandel an Schulen gibt es schon? Und diese Materialien zu adaptieren.

Herr Wörner, Ihre Schule ist dafür bekannt, sich für digitale Bildung zu engagieren. Wie zeigt sich der digitale Wandel an ihrer Schule?

Wir waren und sind an den verschiedensten Projekten beteiligt. Es gibt in Bayern zum Beispiel ein Label – Referenzschule für Medienbildung. Da haben wir vor ein paar Jahren ein Medienmethoden-Curriculum eingereicht und so auch die Digitalisierung in unser Schulcurriculum festgeschrieben. Außerdem haben wir seit 2011 die iPad-Klassen. Seitdem ist Digitalisierung bei uns im Unterricht eigentlich ein Dauerthema.
Gerade nehmen wir an dem bayernweiten Schulversuch „Digitale Schule 2020“ des Bildungspakts Bayern teil. In diesem Rahmen arbeiten wir nicht nur an der Unterrichtsentwicklung, sondern auch an anderen Ideen, die das Thema so mit sich bringt. Von der Absenzenverwaltung bis hin zur bargeldlosen Schule. Oder auch eine Veränderung der Prüfungskultur. 
Wichtig ist, dass durch die Digitalisierung auch Strukturen verändert werden, das kann man nicht so nebenbei machen. Deshalb ist der Schulversuch so wichtig. So haben wir bis 2020 Zeit, können ausprobieren und auch Konzepte wieder verwerfen. Wenn Sie zum Beispiel an eine Schulverwaltung per App denken, gibt es ja auch viele Dinge zu beachten – rechtliche zum Beispiel.  
 

Sie haben außerdem das Projekt DiBiS „Digitale Bildung im Seminar“ ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Seit wir die iPad-Klassen haben, habe ich dort auch meine Referendare eingesetzt. Das wurde damals teilweise auch belächelt: Was macht ihr denn da? Kann man mit den iPads wirklich Unterricht machen? Sodass die Referendare manchmal auch ausgebremst wurden. Ich habe dann einfach mal überlegt: Was könnte eine Lehrkraft heutzutage in der digitalen Zeit brauchen? Dazu habe ich mich auch mit meinem Twitter-Netzwerk ausgetauscht. Federführend war dabei der Hashtag bayernedu.
Im nächsten Schritt habe ich ein Curriculum geschrieben und mir dann im Rahmen des Schulversuchs die Erlaubnis geholt, es zu testen.
Seit letztem Schuljahr habe ich nun insgesamt 30 Sitzungen mit den Referendaren á 45 Minuten gemacht. Ich habe jede Sitzung dokumentiert und online gestellt, sodass die Materialien auch von anderen genutzt werden können. Heuer sind wir im zweiten Durchgang.
Durch eine Umfrage weiß ich, dass Kollegen aus über 30 Orten und elf verschiedenen Bundesländern meine Dokumentationen und Materialien nutzen. Mein Ziel ist es, sie möglichst weit zu verbreiten. Denn ich arbeite daran, dass die Digitalisierung zumindest in den Basics verbindlich wird.  

Was lernen die Referendare bei Ihnen in DiBiS?

Ich habe mich an den KMK-Kompetenzen orientiert und so Themen gesetzt: Vom Cybermobbing bis hin zu Fake News. Dabei geht es zum Beispiel auch um die Quiz-Didaktik. Welche Apps gibt es, um ein digitales Quiz zu erstellen? An welchen Stellen macht es Sinn, diese zu nutzen?  Oder wir diskutieren: Wie erstellt man ein Lernvideo? Welche Software nutze ich und bei welchem Unterrichtsszenario macht das Sinn? Wie kann man so etwas vielleicht auch bewerten?
Ich habe versucht ein ganzheitliches Curriculum über Themen in der digitalen Welt zu erstellen. Da geht es auch darum, zu wissen, welches Mediennutzungsverhalten haben Schülerinnen und Schüler? Wie „native” sind sie wirklich? Was gibt es für didaktische Konzepte und welche rechtlichen Aspekte müssen beachtet werden.
 

Gehen Sie auch auf Möglichkeiten der digitalen Vernetzung der Referendare untereinander ein?

Viele Referendare scheuen sich davor, im Internet aufzutreten. Vielleicht auch, weil sie Angst haben. Ich ermuntere sie dazu, sich zu vernetzen. Sie sehen ja auch, dass ich mich mit vielen Leuten vernetze.
Generell würde ich Schulen raten, sich zu öffnen. Es gibt da diesen schönen Begriff: Ko-Konstruktion. Also Kooperation übers Normale hinaus, um auch konzeptuell miteinander zu arbeiten. Denn das ist ja der Mehrwert der digitalen Welt. Ich denke, da muss allgemein noch ein Haltungswechsel stattfinden: Wir müssen Vernetzung positiv betrachten und nicht denken: Wieso postet der das? Will der sich wichtigmachen?
 

Warum ist DiBiS wichtig?

Ein Kollege hat mal gesagt, wenn wir die jungen Kollegen auf den digitalen Wandel nicht vorbereiten, dann ist das ein Stück weit unterlassene Hilfeleistung.
Digitale Bildung ist noch kein fester Bestandteil der Lehrerbildung. An manchen Unis gibt es mehr Angebote, an anderen weniger und an einigen gar keine. Es wäre wichtig, dass es einen Grundkonsens gibt: Was müssen die Studenten wissen? Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung sind Lehramtsstudierende ja auch die digital am wenigsten affinen. Insofern ist das ja ein Thema, bei dem es ein wenig brennt.
 

Wie sind die Rückmeldungen der Referendare?

Ich habe eine Umfrage mit einem Feedback-Tool gemacht, da waren die Rückmeldungen der Junglehrenden positiv. Natürlich ist es für die Referendare erstmal mehr Arbeit. Aber sie werden jetzt schon an ihren Einsatzschulen nachgefragt, um schulinterne Lehrerfortbildungen zu dem Thema Digitalisierung zu halten. Auch die Referendare, die von anderen Schulen zu uns gekommen sind, kommen freiwillig in das Seminar. Also ich würde sagen, der Bedarf wird schon erkannt.
Ich weiß zum Beispiel auch, dass der Veranstalter der WES 4.0 in Karlsruhe (https://wes4punkt0.schule/ ) meine Unterlagen jedem Teilnehmer ausgedruckt und in gebundener Form ausgeteilt hat. Da bin ich stolz drauf. Das heißt nämlich, dass meine Arbeit von der Referendarsausbildung direkt in die Lehrerfortbildung geflossen ist.
 

Gibt es denn an Ihrer Schule auch Fortbildungen für Lehrende zum Thema Digitalisierung?

Ja, zum einen in dem SCHILF-Format, in dem wir verschiedene Themen ansprechen. Zusätzlich haben wir aber auch ein Patensystem: Jede Lehrkraft ist einer etwas affineren zugeordnet, jemandem, der schon mehr Erfahrung hat. So kann man spontan etwas fragen, jeder Kollege weiß, an wen er sich wenden kann, um auch mal banalere oder personalisierte Fragen zu klären.
Das kann ich auch anderen Schulen raten: klein denken. Kontinuierlich am Ball bleiben und nicht nur einen pädagogischen Tag zu dem Thema zu machen.

Anderen Schulen rate ich: klein denken. Kontinuierlich am Ball bleiben und nicht nur einen pädagogischen Tag zu dem Thema zu machen.

Kai Wörner, Realschule am Europakanal in Erlangen

Wie können kritische, skeptische Kollegen mit ins Boot geholt werden?   

An meiner Schule sind die Kollegen weniger skeptisch. Bei meinen Seminarkollegen an anderen Schulen sind da schon mehr kritische Stimmen dabei. Aus den verschiedensten Gründen: Wir haben keine Ausstattung. Wir brauchen das nicht.
 

Was sind da Ihre Argumente? Was ist der enorme Vorteil der Digitalisierung?

Wenn man es richtig macht, kann die Digitalisierung auch eine Arbeitserleichterung sein – das wäre ein Vorteil. Aber die Vorteilsfrage oder auch die Frage nach dem Mehrwert stellt sich für mich eigentlich gar nicht. Wir müssen in der Schule up to date bleiben. Natürlich muss man nicht jedem Trend hinterherlaufen. Aber wir dürfen gesellschaftliche Entwicklungen an den Schulen nicht ignorieren. Wenn ich zum Beispiel an Museen denke oder an andere Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken – was da teilweise alles angeboten wird: Mit Makerspace und digitaler Ralley. Und wir machen immer noch Overheadfolie – dann ist die Schule irgendwann der Ort, an dem Bildung am langweiligsten ist.
Und der nächste Punkt ist natürlich: Wenn wir Kompetenzförderung anstreben, dürfen wir nicht nur Wissen vermitteln sondern eben auch die 4K-Skills. Es ist also keine Frage des Vorteils, sondern eine Frage der Notwendigkeit.
 

Was raten Sie denn anderen Schulen, die auch Fortbildungen anbieten wollen?

Ein Tipp ist zum Beispiel: Zu schauen, wer ist da in meiner Umgebung, wen kann ich extern einladen – auch um die Teilnehmenden zu begeistern.
Ein weiterer Rat wäre, nicht alles neu zu erfinden, sondern sich darüber zu informieren, was es schon gibt. Es gibt außer meinen auch noch sehr viele andere Konzepte und Handouts. Außerdem sollte Digitalisierung nicht als Feierabenddidaktik begriffen werden, sondern als immerwährendes Thema, das seinen Platz in jeglichen Schulentwicklungsprogrammen finden muss.
In einem nächsten Schritt sollte man sich mit den Eltern und der Schulfamilie abstimmen, inwieweit diese Power genutzt werden kann, um Dinge zu vereinfachen. Wir geben zum Beispiel keine Elternbriefe raus, sondern schicken die Briefe über ein Elterninformationssystem. Das entlastet Lehrkräfte natürlich,  wenn sie nicht ständig Zettel einsammeln müssen. Oder zum Beispiel das Führen eines digitalen Klassenbuchs. So kann man zum Beispiel durch weniger Bürokratisierung mehr Zeit für die Schüler haben.
Also nicht nur an den Unterricht denken, sondern sich ganzheitlich in das Thema einlesen. Wenn man das macht, gibt es bestimmt ein Konzept, dass auf die eigene Schule passt. Das sollte man als Anregung nehmen und an sein Konzept adaptieren.

Digitalisierung sollte nicht als Feierabenddidaktik begriffen werden, sondern als immerwährendes Thema, das seinen Platz in jeglichen Schulentwicklungsprogrammen finden muss.

Kai Wörner, Realschule am Europakanal in Erlangen

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