Das Märchen vom „Digital Native“

Die neue DIVSI U25-Studie zur digitalen Alltagswirklichkeit von Jugendlichen und deren Wahrnehmung des Internets zeigt: ein Leben ohne das Internet gibt es nicht mehr, den Herausforderungen der digitalen Zukunft fühlen sich Jugendliche jedoch nicht gewachsen.

Jugendliche am Smartphone

Die neue DIVSI U25-Studie „Euphorie war gestern. Die ‚Generation Internet‘ zwischen Glück und Abhängigkeit“ wirft einen Blick auf die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen, den vermeintlichen „Digital Natives”, welche mit dem Internet aufgewachsen sind und dessen technische Innovationen durch Ihr Handeln und Interagieren maßgeblich mitbestimmt werden. Das DIVSI untersucht die digitale Alltagswirklichkeit der Gruppe und deren Wahrnehmung des Internets nun bereits zum zweiten Mal nach 2014 (Die erste Studie finden Sie hier). Der Fokus der Studie liegt auf der Nutzung digitaler Medien, als auch der Einstellung der Jugendlichen zum Internet und ihre Haltung zu Fragen um Datenschutz und Privatsphäre, Sozialen Medien und aktuellen Trends im Netz.
 

Jugendliche sehen vermehrt Risiken des Internets

So nutzen mittlerweile alle Jugendlichen in der Altersgruppe von 14 bis 24 Jahren das Internet, Offliner gibt es nicht mehr. 99% von ihnen sind täglich online, 99,8 % besitzen ein Smartphone. Die Jugendlichen führen einen selbstverständlich digitalisierten Alltag, dessen Chancen zugleich aber auch Restriktionen und Risiken sie sehen. So stimmt der überwiegende Anteil der Jugendlichen zwar der Aussage zu, dass das Internet sie glücklich mache – dies betrifft insbesondere die Erleichterung des Alltags durch Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten (vgl. S. 17–19). Gleichzeitig geben die Jugendlichen an, dass der Zustand, dass es in vielen Lebensbereichen keine Alternative mehr zum Internet gibt, ihnen Angst mache (vgl. S. 22–24). Das Risikobewusstsein für Angriffe auf die eigene Identität (durch Mobbing oder die Veröffentlichung persönlicher Daten) und Falschinformationen ist gestiegen (vgl. S. 77). Erschreckenderweise sind die Sicherheitsmaßnahmen, die Jugendliche im Internet ergreifen im Gegensatz zu 2014 aber rückläufig (vgl. S. 88).

Die Zeiten einer unbesorgten Nutzung der sich bietenden technischen Möglichkeiten sind Vergangenheit. Die Ergebnisse zeigen vielmehr: Der Hype ist vorbei, reine Euphorie war gestern.

Matthias Kammer, Direktor DIVSI (S. 6)

Schule bereitet nicht ausreichend auf die digitale Zukunft vor

Die Studie wirft auch einen Bick auf die Rolle der Schule bei der Vermittlung von Wissen über das Internet. Einen Großteil ihres Wissens zum Internet beziehen die Jugendlichen laut eigener Angaben aus ihren persönlichen Erfahrungen (89 %)  oder durch den Austausch mit Freunden (59 %). Lehrerinnen und Lehrer sind jedoch kaum eine Bezugsquelle (18 %) (vgl. S. 97–98). Ganze 69 % der Jugendlichen fühlen sich von der Schule nicht ausreichend auf die digitale Zukunft vorbereitet. Darauf deutet auch hin, dass die Themen Privatsphäre sowie Sicherheit im Internet als auch dessen Möglichkeiten jeweils nur im Unterricht von rund einem Drittel der Befragten eine Rolle spielen (vgl. S. 98–99). Zudem schätzen die Jugendlichen Schule als Vermittler von digitaler Bildung je nach Bildungsniveau unterschiedlich ein. Jugendliche mit einer formal höheren Schulbildung fühlen sich von der Schule weniger gut über das Internet informiert und auf die digitale Zukunft vorbereitet als Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau (vgl. S. 99–100). Wertet man die Aussagen für die Altersgruppen der Jugendlichen aus, zeigt sich jedoch, dass die Jüngeren von 14 bis 17 Jahren sich besser von der Schule vorbereitet und informiert fühlen als die 18- bis 24-Jährigen (vgl. s. 100–102). Letzteres ließe laut Studie vielleicht auf den Beginn einer Kulturveränderung schließen, die Bildungsunterschiede könnten sich jedoch damit begründen lassen, das dem Thema je nach Schulform unterschiedlich Raum  geboten wird und formal niedrig gebildete Jugendliche mehr mitnehmen, als formal höher gebildete, die bereits mit einem anderen Wissensstand ausgestattet sind.
 

Digitale Kompetenzen werden überhöht eingeschätzt

Wie wichtig Schule als Vermittlerin von Grundwissen digitaler Bildung ist, zeigt sich auch darin, dass die Jugendlichen in der Studie ihre Online-Kompetenz mehrheitlich als gut bis sehr gut einordnen (vgl. S. 26–27), jedoch eklatante Wissenslücken in den Bereichen Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre aufweisen (vgl. S. 95–97). So geht fast die Hälfte der befragten Jugendlichen davon aus, dass Suchmaschinenergebnisse die ganz oben stehen, auch die verlässlichsten sind, verstehen die Platzierung gar als Qualitätsmerkmal und glauben außerdem, dass Internetseiten auf denen sie keine Angaben machen müssen, sicher seien. Fast ein Viertel der Befragten glaubt zudem, dass die Abwesenheit von Werbung auf einer Internetseite auf deren Sicherheit hinweist (vgl. S. 96).

Die vermeintlichen „Digital Natives“, ein Begriff den die Jugendlichen entweder gar nicht kennen oder aber entschieden ablehnen (vgl. S. 28–29), sind also nicht automatisch mit den Kompetenzen und dem Wissen über den sicheren Umgang im Internet ausgestattet, nur weil sie im Zeitalter der Digitalisierung geboren wurden. Die Studie zeigt, sie stoßen bei einer durch die Digitalisierung bestimmte Zukunft an Ihre Grenzen und wünschen sich eine bessere Vorbereitung – und genau hier kann und muss Schule ansetzen.

Die Studie herunterladen:

  • Hier finden Sie mehr Informationen zur aktuellen DIVSI U25-Studie „Euphorie war gestern. Die ‚Generation Internet‘ zwischen Glück und Abhängigkeit“ und können sie herunterladen.
  • Hier finden Sie die DIVSI U25-Studie „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt“ von 2014.

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