Wir brauchen Pioniergeist!

Myrle Dziak-Mahler ist Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität zu Köln. Im Interview sprechen wir mit ihr darüber, wie digitale Transformation Schule verändert.

Myrle Dziak-Mahler

Von Haus aus ist Myrle Dziak-Mahler Lehrerin für die Fächer Deutsch und Geschichte. Seit 15 Jahren setzt sie sich nun für eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis in der Zusammenarbeit zwischen Universität und Schule ein. Die Kernfragen für sie: Bereiten wir die Schülerinnen und Schüler adäquat auf die digitale Gesellschaft von morgen vor? Welche Kompetenzen brauchen sie in zehn, zwanzig, dreißig Jahren, um in einer digital transformierten Gesellschaft und Arbeitswelt zu bestehen? Wie sollen wir Bildungsziele für junge Menschen bestimmen, wenn wir keine Vorstellung haben, welche Bildungsinhalte die Gesellschaft morgen und übermorgen benötigt?

 

Von der Zukunft her denken 

Der Einzug der Digitalisierung in die Schulen bedeutet mehr als den bloßen Einsatz von digitalen Tools und Techniken im sonst gleichbleibenden Unterricht. Er macht es notwenig, Schule komplett neu zu denken – nämlich von der Zukunft her. 

Um die Denkrichtung entsprechend zu ändern, arbeitet Myrle Dziak-Mahler mit der „Timeline“. Das ist ein systemisches Coachingformat, bei dem sich die Teilnehmenden eine Zeitlinie im Raum vorstellen und entlang dieser in die Zukunft reisen. Dadurch können sie Zukunftsszenarien simulieren, in der eigenen Vorstellung prüfen und die notwendigen Schritte zur Gestaltung der Zukunft definieren. Für eine einzelne Person kann das bedeuten, dass sie sich den Zeitpunkt vorstellt, wenn sie in die Rente geht. Fragen, die man sich dabei stellen könnte, sind laut Dziak-Mahler: „Was möchte ich dann erreicht haben? Wie soll mein Leben aussehen? Und wenn Sie das imaginiert haben, drehen Sie sich um und beraten sich selbst aus der Zukunft heraus für Ihre jetzige berufliche Entscheidung. Dann haben Sie ganz viel gewonnen für die Entscheidung im Hier und Jetzt. Und so funktioniert die Timeline auch für Teams, so kann man auch mit einem ganzen Schulentwicklungsteam arbeiten und sich fragen: Wo soll unsere Schule in 30 Jahren sein?“.

Welche Rolle auf dem Weg zur Schule der Zukunft das Führungshandeln von Schulleitungsteams und das Berufsfeld der Lehrkraft spielen, warum Unterrichtsfächer aufgelöst werden sollten und was der Digitalpakt mit faltbaren Handys zu tun hat, erfahren wir von Myrle Dziak-Mahler im Interview. 

 

Frau Dziak-Mahler, wie muss sich das Berufsfeld der Lehrkraft ändern und welche Kompetenzen brauchen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft?  

Ich glaube, dass Lehrkräfte in Zukunft nicht mehr die Aufgaben und Rollen inne haben, wie wir sie heute kennen. Wenn Lehrerinnen und Lehrer heute unterrichten, vermitteln sie vorwiegend auf ganz klassische Weise Wissen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen würden sagen: „Das tue ich auch jetzt schon nicht mehr.“ Das stimmt auf eine Art auch, aber im Kern identifizieren sich Lehrkräfte mit der Rolle, Wissen, für das sie zum Beispiel während ihres Studiums besondere Kenntnisse erworben haben, didaktisch an Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Sie didaktisieren quasi ihren Wissensvorsprung. In Zukunft sollte es aber vielmehr so sein, dass Lehrer als Lernbegleiter agieren und damit Teil einer professionellen Lerngemeinschaft sind, in der sie eine bestimmte Rolle einnehmen. Dabei kann es vorkommen, dass sie an der ein oder anderen Stelle tatsächlich mehr wissen, an anderen Stellen aber vielleicht auch weniger als die Schülerinnen und Schüler. Definitiv haben sie aber mehr Methodenkompetenz, also die Kompetenz, individuell zu sehen, was Schülerinnen und Schüler zu einem Zeitpunkt, in einer speziellen Situation brauchen – sowohl in Hinblick auf den Lernerfolg als auch auf ihre Persönlichkeitsentwicklung.
Im Zentrum für LehrerInnenbildung evaluieren wir gerade ein Projekt, bei dem Schüler in den Klassen sieben und acht unterstützt werden, die von Zuhause aus nicht die Chance haben, entsprechend ihrer Begabungen gefördert zu werden. Dabei sind wir auf einen interessanten Zusammenhang gestoßen: Wenn die Schülerinnen und Schüler ihre Sozialkompetenz und ihre individuelle Persönlichkeit weiterentwickeln, wirkt sich das positiv auf ihre Leistungen aus und bringt sie in ihrer Berufsorientierung voran. Wir schauen oft zu wenig auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler als Ganzes und zu viel darauf, welche Leistungen ein Schüler beispielsweise im Fach Mathematik erbringt, welche Defizite er hat und wie er diese aufholen kann. Stattdessen sollten wir überlegen, welche Voraussetzungen jemand individuell benötigt,   um die Defizite aufzuholen. Vielleicht macht es auch gar nichts, wenn jemand in der siebten Klasse noch Defizite in Mathe hat, in anderen Fächern aber vielleicht schon viel weiter ist. 

 

Und was bedeutet das für die Lehramtsausbildung? 

Universitäten müssen sich in der Ausbildung angehender Lehrkräfte darauf einstellen, dass der Beruf ‚LehrerIn‘ in naher Zukunft ganz anders aussieht. Wenn Sie mich fragen, würde ich sofort den Ein-Fach-Lehrer befürworten, also sagen: Lehrkräfte sollten nur noch Spezialisten für ein Fach sein, nicht mehr für mehrere Fächer, weil das Wissen, das sie in dem einen Fach brauchen, auch viel weitgreifender sein muss. Ich stelle mir das ähnlich vor wie in Finnland. Dort gibt es den Ein-Fach-Lehrer, gleichzeitig ist er in den Fächern Bildungswissenschaften, Pädagogik und Psychologie besser ausgebildet. Für sinnvoll halte ich auch methodische Elemente wie Coaching-Techniken, die wir bisher noch kaum berücksichtigen. 

 

Wie können Lehrkräfte, die bereits an den Schulen lehren, sich entsprechend weiterbilden? Und wie kann Schule dabei unterstützen? 

Auch hier gilt: Wir müssen anfangen, uns auf den Weg zu machen, ernsthaft zu überlegen, wie unsere Schule in zehn, fünfzehn Jahren aussehen wird. Und da können wir uns an moderner Unternehmensführung orientieren. Schulleitungsteams müssen genau hinschauen, was das  Kollegium und was jede einzelne Lehrkraft an Unterstützung braucht. Im Idealfall agieren sie nicht hierarchisch von oben nach unten, sondern fragen sich: Was brauchen wir gemeinsam für ein Setting, um weiterzukommen? Wie unterstütze ich mit coachender und ermöglichender Grundhaltung mein Kollegium? Weiß ich genug über Veränderungsprozesse und was sie in Menschen auslösen können? Wie gehe ich kommunikativ mit Widerständen um? Weiß ich genug darüber, wie ich Schulentwicklungsprozesse wirklich partizipativ aufsetze? Bisher sind Schulleitungen angehalten, einen Erlass aus dem Ministerium zu befolgen und in der Schule umzusetzen. Aber vielleicht müssen wir ja auch gar nicht mehr jeden Erlass umsetzen. Ich bin ja schon viele Jahre in dem System, das heißt ich habe auch persönliche Erfahrungswerte. Es gab schon immer gute Schulen und Modellschulen. Was wir von ihnen lernen können, ist, dass Schulen, die gegen die Regeln verstoßen, oft besonders erfolgreich sind. Wenn Sie sich die Schulen ansehen, die in den letzten Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden, werden Sie feststellen: Sie haben sich nicht immer an alle Regeln gehalten. 

 

Gilt das für Sie auch mit Hinblick auf den Digitalpakt? Um an die Gelder zu kommen, müssen Schulen ja erst ein entsprechendes Medienbildungskonzept vorlegen.
 
Im Grunde ja. Ich finde es im übrigen gar nicht so sinnvoll, viel Zeit in das Schreiben von Konzepten zu investieren. Schauen Sie sich die technische Entwicklung an. Jedes Konzept wird in kürzester Zeit von der technischen Entwicklung überholt. Hier in Nordrhein-Westfalen müssen die Schulen dieses Jahr ihrem Träger einen Antrag darüber vorlegen, was eingekauft werden soll. Wenn die Träger das beurteilt haben, kommen die Gelder 2021 und erforderliche Technik ist frühestens 2022 angeschafft. Es dauert also insgesamt drei Jahre, bis etwas passiert. Ein Beispiel: Eine Schule beschließt, Tablet-Klassen einzuführen. Eine der großen Handyfirmen hat aber inzwischen schon das faltbare Handy entwickelt, das heute bereits getestet wird. Soll heißen, dass Sie möglicherweise in absehbarer Zeit gar keine Smartphones und Tablets mehr haben, sondern ein Gerät, auf dem alle Funktionen zur Verfügung stehen. Wir haben also gar nicht die Zeit lange zu überlegen, was genau wir anschaffen. Diese Zeit sollten Schulen lieber in Überlegungen investieren, wie: Welche Kompetenzen müssen unsere Schülerinnen und Schüler haben und was können wir dafür tun? Wenn uns dabei auch technische Hilfsmittel durch den Digitalpakt zur Verfügung stehen, ist das gut, aber das ist nicht unser Hauptproblem. Ich würde stattdessen lieber fünf Prozent meiner Zeit in das Ausfüllen dieser Bögen investieren und 95 Prozent auf die Frage verwenden, wie ich den Unterricht mit meinen Schülerinnen und Schülern gestalte. 

 

Wie muss sich der Unterricht an sich verändern?

Meiner Meinung nach muss sich Unterricht vollständig verändern. Etwa, indem man die Fächer auflöst. In Finnland wird das zurzeit erprobt, dort wurden in der Oberstufe die Fächer aufgelöst. Davon können wir sicher einiges lernen. Das Experimente-Wagen wird generell eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein, weil wir den Mut zum Experiment systemisch gar nicht gewöhnt sind. Wir müssen einfach mal etwas ausprobieren. Kennen Sie ein einziges gesellschaftliches Thema, das wir haben, das wir in einem Schulfach allein lösen können? Warum orientieren wir uns nicht an den Fragen, die Kinder und Jugendliche heute haben? Ihre Lebenswelt wird im Moment komplett aus den Schulen rausgehalten. Und zwar bewusst. Weil wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen, denn wenn wir das Smartphone zulassen, dann wird ja womöglich auch gespielt. Die Angst vor Bring Your Own Device ist doch, dass die Schülerinnen und Schüler Candy Crush spielen statt sich dem Vokalbeltest zu widmen.
Wir sind von dieser Furcht getrieben statt zu sagen: „Das probieren wir jetzt mal aus, und wenn ich dann ein Problem bekomme, löse ich es, denn ich weiß ja noch gar nicht, ob das, was ich jetzt denke, überhaupt gleich mein Problem ist, vielleicht habe ich auch ein ganz anderes.“ Wir befürchten immer schon im Vorhinein, es könnte ja ein Problem auftauchen, wenn ich dies und das mache, also versuchen wir es lieber erst gar nicht erst. 

 

Was müssen wir also tun, um positiv in die Zukunft zu blicken und den digitalen Wandel konstruktiv anzupacken? 

Ich sehe grundsätzlich positiv in die Zukunft. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass die Themen der Zukunft eine Belastung sind. Persönlich habe ich manchmal schon das Gefühl, dass Entwicklungen schnell vorangehen und persönlich verunsichert mich das manchmal auch. Aber wenn ich mir anschaue, was sich in den letzten Jahren an Schule, an Hochschule, auch an Veränderungen in der Lehramtsausbildung getan hat, bin ich mehr als zuversichtlich, dass es auch genau so weitergeht. Ich sehe viele Schulen, in diesem Netzwerk und auch bundesweit, die sich auf den Weg machen. Es gibt neben der Frage, ob wir für all das genug Geld und Zeit haben, allerdings einen ganz wichtigen Aspekt, den Schulen immer wieder zurückmelden: dass sie von Bildungsadministrationen, von Behörden nicht ausreichend Freiheiten erhalten. Und ich glaube, das wär eine Stellschraube, an der man, auch ohne Geld in die Hand nehmen zu müssen, relativ leicht drehen kann. Wenn Bildungsadministration und Bildungspolitik etwas mehr Vertrauen in die Schulen vor Ort geben würden, würde das meines Erachtens viel bewegen. 

 

Vielen Dank für das Interview, Frau Dziak-Mahler!
 

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