DKJS: Herr Leicht, wie definiert Bayern aktuell den strategischen Auftrag im Bereich Digitale Bildung und Medienbildung – und wie geht das Land diesen an?
Simon Leicht (SL): Für uns in Bayern ist digitale Bildung eine elementare Voraussetzung: für ein mündiges Leben, für gesellschaftliche Teilhabe, für beruflichen Erfolg und für eine funktionierende Demokratie. Deshalb hat digitale Bildung und Medienbildung einen sehr hohen Stellenwert. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass sie in allen Lehrplänen aller Schularten und Jahrgangsstufen als übergreifendes Bildungs- und Erziehungsziel fest verankert ist. Unsere Digitalisierungsstrategie geht von einem ganzheitlichen Bildungsverständnis aus, das alle Dimensionen von Lernen und Entwicklung berücksichtigt: Wissenserwerb, Werteorientierung, Alltagskompetenzen, soziale Kompetenzen und soziales Lernen. Auch gesundheitsbezogene Aspekte rücken zunehmend in den Fokus. All diese Dimensionen sind auch für die digitale Bildung leitend. Ziel unserer Strategie ist es, ein zukunftsfähiges, chancengerechtes und ganzheitliches Konzept zu entwickeln – eine Bildungslandschaft, die Schülerinnen und Schülern auf eine Kultur der Digitalität vorbereitet.
Es geht also um mehr als nur die Digitalisierung von Prozessen. Wir wollen junge Menschen befähigen, digitale Anwendungen reflektiert zu nutzen und die digitale Welt aktiv mitzugestalten.
Dabei steht nicht im Vordergrund, möglichst schnell möglichst viel Technik in Klassenzimmer und Schülerhände zu bringen – auch wenn eine funktionierende IT-Infrastruktur selbstverständlich wichtig ist. Wichtiger ist, dass digitale Möglichkeiten immer dann eingesetzt werden, wenn sie pädagogisch sinnvoll sind und den Lernprozess unterstützen. Es geht also um eine didaktisch und pädagogisch begründete Verzahnung von analogen und digitalen Formaten.
DKJS: Mit Blick auf diese Strategie: Was haben Sie konkret aus dem Besuch in Tschechien mitnehmen?
SL: Auffällig war für mich, wie unaufgeregt unsere Gesprächspartner:innen mit der Thematik Digitalisierung umgegangen sind. Es wurde sehr pragmatisch nach Lösungen gesucht, um Herausforderungen an Schulen und für Lehrkräfte zu bewältigen. Grundlage dieser Haltung schien ein hoher Stellenwert von Bildung und ein ambitionierter Qualitätsanspruch an Schule zu sein.
Bemerkenswert war auch das Selbstverständnis, dass Schule, Unterricht und Inhalte sich kontinuierlich weiterentwickeln müssen – dieser Gedanke war tief verankert. Kombiniert wurde das mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Notwendigkeit von Schulentwicklung, und das stark datenbasiert ist.
Beeindruckend fand ich, wie gut die Schulen ihre eigenen Bedarfe kannten und wie selbstkritisch sie mit Ergebnissen etwa der ICILS-Studie umgingen.
DKJS: Glauben Sie, das wäre in Deutschland ebenso einfach umsetzbar?
SL: Ich habe aktuell schon den Eindruck, dass wir hierzulande immer wieder zu grundlegenden Diskussionen zurückkehren, wenn es um Digitalisierung geht. Das ist zum Teil notwendig, weil sich zunehmend negative oder unerwünschte Effekte des digitalen Wandels zeigen. Denken Sie beispielsweise an mögliche problematische Auswirkungen der Social Media-Nutzung auf Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig bieten sich durch den digitalen Wandel natürlich auch enorme Chancen und Möglichkeiten, die wir an unseren Schulen nutzen und vorantreiben.
DKJS: Welche Hürden sehen Sie aktuell bei der Umsetzung der Digitalisierungsstrategien an Schuen in Bayern – auch im Vergleich zu Tschechien?
SL: Von Hürden würde ich nicht sprechen. Gemeinsam ist uns der ganzheitliche Blick: Wir bearbeiten in Bayern fünf Handlungsfelder gleichzeitig und in wechselseitiger Abhängigkeit:
- Unterricht weiterentwickeln in einer Kultur der Digitalität
- Digitale Expertise der Lehrkräfte stärken durch zeitgemäße Aus- und Fortbildungen
- Kooperative Schulentwicklung, das bedeutet auch enge Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten, etwa in medienpädagogischen Fragen
- Schule digital orientieren, also Verwaltung vereinfachen und Kommunikation effizient gestalten
- Infrastruktur optimieren, um zeitgemäßes Lernen zu ermöglichen.
In all diesen Bereichen sind wir auf einem guten Weg. Die größte Herausforderung ist derzeit die hohe Innovationsdynamik, insbesondere durch die Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Sie verändert Lernprozesse, Leistungserhebung und Prüfungsformate grundlegend. Wir müssen im Dialog mit allen Beteiligten Lösungen finden, die den Qualitätsanspruch von Schule und Unterricht sichern. Zugleich sehen wir auch gesellschaftliche Entwicklungen, die in die Schule hineinwirken: etwa problematische Formen der außerschulischen Mediennutzung. Viele Erziehungsberechtigte fühlen sich damit überfordert. Schule muss sich dieser Aufgabe stellen.
DKJS: Konnten Sie zu diesem Thema auch in Tschechien Eindrücke gewinnen?
SL: Das Thema KI war dort weniger präsent, als ich erwartet hätte. Es war auf dem Radar, spielte aber in unseren Gesprächen keine große Rolle. Auffällig war jedoch, dass selbstgesteuertes Lernen einen hohen Stellenwert hatte – ein Bereich, in dem KI künftig sicher eine größere Rolle spielen wird.
DKJS: Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Learnings aus der Reise?
SL: Erstens: Digitale Bildung muss als interdependentes Ökosystem verstanden werden, in dem viele Akteure – von Lehrplänen über Lehrkräftebildung bis hin zu Infrastruktur und außerschulischen Partnern – zusammenwirken. Zweitens: Die Rolle der Schulleitungen für den digitalen Transformationsprozess ist zentral. Digital Leadership bedeutet, Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten und das im Dialog mit der Schulgemeinschaft. Drittens: Die Verankerung digitaler Bildung im Fachunterricht, ergänzt durch Informatik als eigenständiges Fach, ist ein tragfähiger Ansatz. Hier sind wir in Bayern und Deutschland auf einem guten Weg, aber die Dynamik erfordert ständige Weiterentwicklung.