Dr. Christine Dallmann ist Erziehungswissenschaftlerin und Referentin im Staatsministerium für Kultus in Sachsen. In Sachsen bilden schulische und außerschulische Medienbildung derzeit zwei eng verzahnte Schwerpunkte: Im schulischen Bereich stehen die praktische Umsetzung der in allen Lehrplänen verbindlich verankerten digitalen Kompetenzen, die Qualifizierung von Lehrkräften sowie die Bereitstellung von Plattformen im Fokus. Ergänzend setzt die landesweite Strategie MESA auf lebenslanges Lernen in der außerschulischen Medienbildung – von frühkindlicher Bildung über Jugend- und Familienangebote bis hin zu Erwachsenen- und Seniorenbildung. Dabei geht es nicht nur um den technischen Umgang mit digitalen Medien, sondern um ganzheitliche Medienbildung, also eine reflektierte, kreative und verantwortungsbewusste Nutzung, die gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Handlungskompetenz stärkt.
DKJS: Wie empfinden Sie aktuell die Situation in Bezug auf digitale Bildung in Deutschland?
Christine Dallmann (CD): Das ist eine ziemlich große Frage. Digitalisierung und digitale Bildung sind in Deutschland im Entwicklungsprozess. Es passiert viel: Wir haben Grundsatz- und Ergänzungspapiere sowie den Digitalpakt 1 und bald 2. Dadurch ähneln sich die Umsetzungen in den Ländern und alle bemühen sich, Schule in diesem Bereich besser aufzustellen. Dennoch zeigen wissenschaftliche Erhebungen regelmäßig große Lücken, wie etwa die ICILS bei den Kompetenzen der Lernenden. Auf Landesebene versuchen wir daher, die Bedingungen für Schulen, Lehrkräfte und Schüler:innen zu verbessern und digitale Bildung als ganzheitlichen Schulentwicklungsprozess zu verstehen. Dabei hängt vieles von der Einzelschule ab: Welche Voraussetzungen gibt es? Wie qualifiziert sind die Lehrkräfte? Dank des Digitalpakts ist die technische Infrastruktur inzwischen weitgehend vergleichbar, nun geht es um die Weiterqualifizierung von Menschen vor Ort. Die entscheidende Frage ist: Was kommt tatsächlich bei den Lehrkräften und vor allem bei den Kindern und Jugendlichen an?
DKJS: Hat auch Ihre Expertise als Erziehungswissenschaftlerin zur Motivation beigetragen, nach Tschechien zu reisen?
CD: Ja, beide meiner Rollen waren eine Motivation. Fachlich bin ich im SMK für das Thema zuständig, gleichzeitig hat mich die Reise aus wissenschaftlicher Perspektive interessiert. Mit Blick auf die ICILS-Ergebnisse wollte ich verstehen, wie das tschechische Schulsystem zu seinen guten Ergebnissen kommt. Unabhängig davon war auch das dortige Unterstützungssystem für Schulen für mich sehr spannend. An diesem Thema haben wir auch nach der Reise weiter festgehalten und sind in Zukunft weiterhin im Austausch mit Tschechien, was naheliegt, da wir uns in Sachsen auch eine Grenze teilen. Aber auch der direkte Austausch in der Reisegruppe war für mich sehr wichtig: Die vielen unterschiedlichen Perspektiven einzubeziehen, hat sich wirklich gelohnt.
DKJS: Was haben Sie konkret aus Tschechien für Ihre Arbeit in Sachsen mitgenommen?
CD: Besonders beeindruckt hat mich in Tschechien der Pragmatismus und die gemeinsame, wertschätzende Orientierung als Kernziel. Ich habe manchmal den Eindruck, wir in Deutschland gehen Dinge zu kompliziert an. In Tschechien war klar: Es geht darum, Kindern und Jugendlichen gute Bildung zu ermöglichen. Auch beim Thema Lehrkräftemangel zeigte sich diese Haltung: „Wir machen das, was möglich ist.“
DKJS: Nachdem die technische Ausstattung an Schulen in Deutschland nun relativ stabil ist: Ist jetzt die Zeit für solche Entwicklungsprozesse – auch in Bezug auf die Mentalität?
CD: Ja, das muss es, denn eine Kultur der Digitalität entsteht nicht allein durch Technik. Es braucht auch die Fähigkeit, alle verfügbaren didaktischen und pädagogischen Mittel sinnvoll zu nutzen. In Tschechien war zu spüren, dass es auch eine kulturelle Frage ist. Die Lehrkräfte hatten einen ausgeprägten Teamgedanken. Es schien selbstverständlich: Den Kindern und Jugendlichen soll es gut gehen, die Eltern werden einbezogen – also packen wir es an. Das war inspirierend.
DKJS: Wir haben in Tschechien Schulen, die Schulinspektion und eine Universität besucht. Welche Impulse und Learnings waren für Sie am wichtigsten?
CD: Besonders spannend fand ich die datenbasierte Schulsteuerung und evidenzbasierte Schulaufsicht. Schulen nehmen diese im positiven Sinne als Unterstützung wahr. Die Schulinspektion erhebt Bedarfe etwa durch Befragungen und nutzt die Ergebnisse für gezielte Hilfen. Das ist auch in Deutschland ein aktuelles Thema. Die Schulaufsicht setzt Leitplanken und begleitet Schulen dann individuell.
DKJS: Blicken wir in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für Schulen und Schüler:innen im Jahr 2030 mit Blick auf digitale Bildung?
CD: Ich wünsche mir, dass Wissenschaftskommunikation noch stärker wird. Es gibt zwar viel Austausch zwischen Bildungspolitik, -verwaltung und Wissenschaft, aber gesamtgesellschaftlich könnten wir enger zusammenarbeiten – auch im Thema digitale Bildung. Außerdem hoffe ich, dass der pädagogische Blick das Aufwachsen mit Medien als Selbstverständlichkeit anerkennt. Erwachsene müssen akzeptieren, dass digitale Medien aus den Leben junger Menschen nicht mehr wegzudenken sind. Unsere Aufgabe als Wissenschaft und Staat ist es nun, Kinder dabei zu unterstützen, sich sicher und souverän in diesen Welten zu bewegen.