Prof. Dr. Birgit Eickelmann leitet den Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Paderborn und beschäftigt sich mit Fragen der Digitalisierung von Schule und Unterricht, der Lehrerbildung sowie international vergleichenden Studien. Sie leitet das wissenschaftliche Konsortium der deutschen Durchführung der ICILS. Als Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Autorin zentraler Studien gilt sie als wichtige Stimme, wenn es darum geht, Chancen und Herausforderungen digitaler Bildung einzuordnen.
DKJS: Können Sie kurz erklären, was die International Computer and Information Literacy Study, kurz ICILS, untersucht und warum sie für das Verständnis digitaler Bildung so wichtig ist?
Birgit Eickelmann (BE): Die ICILS-Studie untersucht alle fünf Jahre, wie die digitalen Kompetenzen von Achtklässler:innen im internationalen Vergleich sind. Mit der Studie wollen wir ein Verständnis darüber entwickeln, wo wir mit Blick auf Digitalisierung in der schulischen Bildung stehen und wie sich das Lehren und Lernen gestaltet.
DKJS: Wo sehen Sie die größten Stärken und Schwächen des deutschen Bildungssystems im Bereich digitaler Kompetenzen?
BE: Eine große Stärke ist, dass sich hierzulande sowohl im System Schule als auch in den einzelnen Schulen in den letzten Jahren viel entwickelt und bewegt hat. Wir sehen beispielswiese, dass sich die Lehrkräfte zunehmend auf den Weg machen: Sie nutzen mittlerweile deutlich häufiger digitale Medien und bilden sich fort. Digitale Medien sind für sie nach und nach ein selbstverständlicher Teil von Unterricht und wird auch für den Austausch unter Lehrkräften und über Schulen hinaus genutzt. Die Schwäche ist jedoch, dass noch nicht so viel davon bei den meisten Schüler:innen ankommt. Wir investieren in Deutschland zwar viel in IT-Infrastruktur, aber das verändert nicht automatisch das Lehren und Lernen in der Schule. Nur ein Viertel der Achtklässler:innen nutzt regelmäßig digitale Medien zum Lernen in der Schule. Zudem verfügen 40% der Achtklässler:innen nur über sehr geringe digitale Kompetenzen. Und auch unsere Leistungsspitze ist mit weniger als 2 Prozent sehr schmal.
DKJS: Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um mehr Chancengerechtigkeit im digitalen Lernen zu schaffen?
BE: Der Digital Divide ist in Deutschland weiterhin unverändert groß und fällt im internationalen Vergleich sehr unangenehm auf. Der neue Digitalpakt ist nun darauf ausgelegt, dass vor allem Kinder aus benachteiligten Haushalten mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden. Ich finde es gut, dass die Gelder nun fokussierter verausgabt werden, denn der Digital Divide in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren nicht kleiner, sondern größer geworden. Ein bisschen bessere Ausstattung allein wird nicht ausreichen, um die Lücken zu schließen. Wir müssen uns deshalb viel mehr anstrengen und fokussierter abstimmen, was wir mit zukunftsgerichteter schulischer Bildung erreichen wollen und wie wir es schaffen, alle Kinder und Jugendliche zu erreichen.
DKJS: Tschechien hat im Vergleich zu Deutschland bei der ICILS deutlich besser abgeschnitten. Was war Ihre konkrete Motivation, an der Bildungsreise nach Tschechien teilzunehmen?
BE: Mich treibt seit der ersten ICILS-Studie – in der Tschechien schon außergewöhnlich gut abgeschnitten hatte – um, warum sie dort so gute Ergebnisse erzielen und es hier in Deutschland nicht gelingen will. Wir sind räumlich geografisch nah – was machen sie also besser? Die einzelnen Zahlen und Ergebnisse aus der Studie lassen das allein nicht ableiten und die Studie bleibt uns diese Antwort schuldig. Wir schauen mit ICILS viel auf Unterricht und Schule – die Vermutung lag also nahe, dass wir zusätzlich einmal schauen müssen, wie es mit den zugehörigen Strukturen und Prozessen in der Administration und Schulsteuerung in Tschechien aussieht.
DKJS: Was waren für Sie die überraschendsten Eindrücke vor Ort?
BE: Wir sind mit sehr vielen Eindrücken wieder nach Hause gefahren. Wir haben zum Beispiel sehr starke Schulleitungen erlebt, die großen Handlungsspielraum haben, aber auch ein National Pädagogisches Institut, das die bestmögliche Bildung für alle Kinder und Jugendlichen seinem Leitbild und Handeln anstrebt und zudem den weltbesten Arbeitsplatz für Lehrkräfte gewährleisten möchte. Aber Leitbilder und Engagement waren nicht alles.
Vielmehr gab es einen positiven Spirit, eine offene Haltung und die Idee, dass von Schulen nicht nur Innovationsprozesse eingefordert wurden, z.B. über veränderte Curricula oder neue Anforderungen in der Schulinspektion, sondern auch Unterstützungsmaßnahmen in der Begleitung der Transformation sichergestellt wurden.
In Deutschland setzen wir viel mehr auf Strategien und hoffen, auf das Engagement der Schulen. Mit ICILS sehen wir dann, dass die Ergebnisse der einzelnen Schulen hierzulande hochgradig unterschiedlich sind. In Tschechien ist das anders. Wir in Deutschland haben Schulen, die sich beispielhaft auf den Weg machen – modernen Unterricht entwickeln, die Einbindung von KI erproben und bei in denen alle Schüler:innen mitgenommen werden. Wir haben aber auch Schulen, die bei diesen Entwicklungen nicht mitmachen und die wir nicht genügend unterstützen. Deshalb denke ich, wir dürfen nicht nur Strategiepapiere erzeugen, sondern müssen auch deutlich machen, welche und wie die Schulen die Zielsetzung erreichen können und den veränderten Anforderungen nachkommen können.
DKJS: Wie macht Tschechien es also besser?
BE: Viele Aspekte, die wir beobachtet haben, kamen uns bekannt vor. Aber immer wieder wurde deutlich, dass Tschechien die Dinge bis zu Ende denkt und hier fehlt es uns noch zu oft. Zudem fand ich die Unaufgeregtheit des Themas in Tschechien sehr beeindruckend. Wir haben hier in Deutschland immer gleich viel Aufregung um einzelne Fragen, z.B. b das Smartphone in den Unterricht darf oder KI in Schule verboten werden muss.
In Tschechien fragt man die Lehrkräfte über Ad-Hoc-Befragungen, wie sie zu den Themen stehen und nutzt die Ergebnisse für weitere Schritte. So steht nicht das „Ob“, sondern das „Wie“ im Vordergrund.
Was ebenfalls deutlich wurde, ist, dass die schulische Steuerung in Tschechien agil agiert und immer am Ball bleibt. Wir haben uns z.B. lange auf der (für uns sehr wichtige) 2016er KMK-Strategie zur ‚Bildung in der digitalen Welt‘ ausgeruht. Tschechien hat z.B. 2023 mit einem neuen Rahmenlehrplan die Zielstellung für Digitalisierung an Schulen noch mal verstärkt. Man ruht sich also nicht auf guten Ergebnissen aus, sondern hat die Dynamik der Entwicklung und den Wert der Schule für die Gesellschaft verstanden.
DKJS: Und wie zeigt sich der Unterschied konkret im Schulalltag?
BE: Alle Akteure, die wir in Tschechien getroffen haben, gehen mit den Herausforderungen sehr pragmatisch um: Wenn sie beispielsweise nicht genug Ausstattung für jede:n Schüler:in haben, wird der Informatikkurs einfach halbiert. Das fand ich sehr beeindruckend. In unseren Unterrichtsbesuchen haben wir zudem eine klare Schüler:innenorientierung wahrgenommen und auch die Selbstverständlichkeit einer lernsituationsgerechten Mediennutzung wurde deutlich. Bücher und Tablets lagen griffbereit auf den Tischen. Wir haben gesehen, wie an einem Zeitstrahl auf Papier gearbeitet wurde und neben dem Geschichtsbuch eben auch ein Tablet zum Recherchieren genutzt wurde. In Tschechien war es zudem wichtig, dass die Lehrkräfte Spielraum für Neues haben und voneinander lernen können. Beispielsweise wurde vom hohen Stellenwert der gegenseitigen Unterrichtshospitationen berichtet.
DKJS: Was nehmen Sie konkret aus der Reise mit – sei es für die eigene Arbeit oder als Impuls für Veränderungen im deutschen Bildungssystem?
BE: Mein Aha-Moment war, als wir uns die Lehrkräfteausbildung angeschaut haben. Die schulischen Akteure werden in Tschechien direkt in die Lehrkräftebildung reingeholt. Es gab eine Kopplung zwischen der Ausbildung an der Universität und der praktischen schulischen Arbeit. Tschechien orientiert sich in der Ausbildung ihrer zukünftigen Lehrkräfte stark an der schulischen Praxis und den Bedarfen und Entwicklungen. Konkret spielen dort aktuell Inklusion und Digitalisierung eine große Rolle. Das formulierte Ziel ist: Wir bilden junge Menschen, die als Lehrkräfte in die Schulen gehen wollen so aus, dass sie dort etwas bewirken und gut bestehen können und dazu die nötigen Kompetenzen mitbringen. Da bin ich mir in Deutschland manchmal nicht so sicher, ob wir auch so denken. Wir denken, man braucht ganz viel, aber vielleicht übersehen dabei dann das Wichtigste.
DKJS: Wo sehen Sie die wichtigsten Anknüpfungspunkte, um unser Bildungssystem im Bereich der Digitalen Bildung zu verbessern?
BE: Aufgrund der Learnings aus Tschechien wäre dies einerseits der lohnenswerte Blick auf die Lehrkräfteausbildung. Andererseits ist die Verbindung zwischen Schuladministration und schulischer Arbeit dort enger, verbindlicher und scheinbar wirksamer.
Die Administration entwickelt nicht nur Papiere, Bildungs- und Lernziele, sondern sie unterstützen Schulen in ihren Entwicklungen. Dafür führen sie z.B. die oben schon angesprochenen Befragungen in Schulen durch.
Ein Beispiel, das uns vorgestellt wurde, war die Smartphonenutzung. Das Nationale Pädagogisches Bildungsinstitut fand durch die Befragung der Schulen heraus: 73% der Lehrkräfte nutzen das Smartphone im Unterricht – auch, weil sie nicht genug andere digitale Ausstattung haben. Folgerung daraus: Warum sollte das Smartphone an Schule also verboten werden? Wenn so viele Lehrkräfte das Smartphone im Unterricht einsetzen, kann kein Verbot ausgesprochen werden. Uns würden in Deutschland solche unmittelbaren Rückkopplungs-mechanismen auch guttun. Wir können die Schulen und Lehrkräfte nicht bevormunden. Was für mich als Schulforscherin zudem noch sehr interessant war, dass die internationalen Studien und ihre Ergebnisse gut genutzt, interpretiert und durch aktuelle, eigene Erhebungen auf Systemebene angebunden und genutzt werden.
DKJS: Was wünschen Sie sich für das deutsche Bildungssystem in Bezug auf Digitale Bildung und die nächsten ICILS-Ergebnisse?
BE: Ich wünsche mir Zielstrebigkeit und ein besseres Verständnis von Dynamik und Veränderungen. Der alte Weg, man plant für mindestens zehn Jahre und überlässt die Entwicklungsarbeit allein den Schulen, wird nicht mehr funktionieren. Wir brauchen veränderte Haltungen und Kompetenzen in der Schuladministration und wirksamere, unterstützendere Steuerungsmechanismen. Dazu gehören gleichzeitig starke Schulleitungen mit hohen Entscheidungskompetenzen. Das muss im Bereich der Personal- und Technologieentwicklung mitgedacht werden. Wir müssen einfach anerkennen und besser nutzen, dass in der Schule ganz viel Kompetenz liegt – Schulleitungen sind Expert:innen für ihre Schulen und unsere Lehrkräfte für das Lehren und Lernen.