Freie Bildungsressourcen für alle

Das Thema OER-Materialien wirft oft zahlreiche Fragen auf. Wir klären, was OER bedeutet, welchen Mehrwert freie Bildungsmaterialien bieten und was Schulen in Bezug auf Qualität und grundlegende Richtlinien beachten sollten.

OER

Wenn Lehrkräfte ihren Unterricht vorbereiten und dafür auch im Internet nach geeignetem Lehr- und Lernmaterial suchen, stehen sie oftmals vor der Frage, wo sie geeignetes Material finden und wie dieses verwendet werden darf. Urheberrechts- und Lizenzfragen spielen bei diesen Überlegungen immer eine Rolle und können oftmals auch Grund für Verunsicherungen sein. Das OER-Konzept ermöglicht es Lehrerinnen und Lehrern entsprechendes Material zu nutzen, zu verändern und an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben. Für den Bereich Schule stehen mittlerweile eine Vielzahl hochwertiger und vielseitiger frei verfügbarer Bildungsmaterialien zur Verfügung, besser bekannt als Open Educational Ressources (OER). OER bergen ein großes Potential, den Wandel im Bildungsbereich zu befördern und Schulbildung aktuell und zeitgemäß zu ermöglichen. Auch in der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ wird die Bedeutung für den Bildungsbereich anerkannt und entsprechende Empfehlungen zu OER formuliert. Die wichtigsten Fragen rund um OER möchten wir Ihnen in diesem Artikel beantworten.
 

Was bedeutet OER? Was verbirgt sich hinter den CC-Lizenzen?

Der grundlegende Unterschied zwischen OER und anderen Bildungsmaterialien ist ihre rechtssichere Nutzung. OER ist eine Bildungsressource unter einer Lizenz, mit welcher der Urheberrechtsinhaber sein Einverständnis zur Nutzung und ggf. weiteren Rechten vornweg erteilt und für die dementsprechend keine Nutzungsgebühren gezahlt werden müssen. Der international genutzte englische Begriff Open Educational Ressources wurde 2002 von der UNESCO geprägt. Dabei kann es sich um Bildungsmaterial jeglicher Art und in jedem Medium handeln, wie z. B. aufbereitetes Unterrichtsmaterial, Fotos oder Grafiken, Lehrvideos und Podcasts. Wesentliche Charakteristika von OER sind:

  • sie stehen allen frei zugänglich für die Nutzung zur Verfügung
  • sie können bearbeitet und weiterverbreitet werden
  • sie werden unter einer offenen Lizenz veröffentlicht, die sich innerhalb des bestehenden Rahmens des Urheberrechts bewegt
CC Lizenzen

Für die Lizensierung hat sich international das Creative-Commons-Lizenzmodell, einer 2001 gegründeten gemeinnützigen Organisation durchgesetzt. Über dieses Lizenzsystem, auch bekannt als CC-Lizenz, erhält der Nutzer nicht-exklusive Nutzungsrechte zur Verwendung eines Materials. Der Urheber entscheidet durch die Auswahl des Lizenztyps inwiefern das Material genutzt werden darf. Insgesamt gibt es sechs verschiedene CC-Lizenzen, die verschiedene Bedingungen (die Lizenzmodule) kombinieren und unter denen Material freigegeben werden kann: nur die beiden Lizenzen CC-BY und CC-BY-SA sind freie Lizenzen im Sinne von OER. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, eigene Werke in die Gemeinfreiheit zu entlassen, was bedeutet, dass sie nicht urheberrechtlich geschützt werden und somit von jedem für jede Verwendung genutzt werden können. Um das eindeutig zu kennzeichnen gibt es die Lizenz CC0 (CC Zero).

Die einzelnen Lizenzmodule als Bausteine der sechs CC-Lizenzen

 BY (Namensnennung): Hier muss bei der Weiterverwendung der Name des Urhebers genannt werden.

SA (Share Alike): Das Materials darf nur unter derselben Lizenz wie das Original verbreitet werden.

 ND (Keine Bearbeitung): Kopien des Werks dürfen geteilt werden, eine Bearbeitung ist verboten.

 NC (Nicht kommerziell): Die kommerzielle Nutzung ist von der Lizenzerteilung ausgenommen (Das Material kann dann aber auch nicht mehr überall eingestellt werden, so z. B. in viele freie Wissensdatenbanken und -archive).

Ein Mehrwert für Lehrende und Lernende

Ein mögliches Bedenken zu OER-Materialien unter Pädagogen betrifft auch das „Verschenken“ geistigen Eigentums oder den Verlust eines potentiellen Gewinns. Tatsächlich ist die Veröffentlichung unter einer offenen Lizenz ein sicherer Weg, das Urheberrecht des Autors zu schützen. Die oben genannte CC-Lizensierung von OER-Materialien sichert mit jeder Lizenz die Namensnennung des ursprünglichen Verfassers, gleichzeitig können Plagiate leichter aufgedeckt werden, da das Material über Archive und Datenbanken einfacher zugänglich ist.
Daneben besteht auch ein ideeller Wert darin, Bildungsmaterialien öffentlich zugänglich zu machen: die Förderung einer „Kultur des Teilens“ und damit auch des kollegialen Austauschs. Indem Lehrkräfte Unterrichtsmaterialien teilen, ermöglichen sie nicht nur auch anderen Schülerinnen und Schülern einen gut gestalteten Unterricht. Freie Bildungsmaterialien ermöglichen Schulen auch eine optimalere und nachhaltigere Ressourcennutzung, und Teamarbeit ermöglicht Innovationen und kreative Lösungen. Durch den Erfahrungsaustausch, eine gute Feedbackkultur und eben Arbeitsteilung wird die Schule als „lernende Institution“ gestärkt und gleichzeitig einer Überlastung der einzelnen Lehrkräfte vorgebeugt.

Freie Bildungsmaterialien betreffen auch eine Kultur und Praxis des Teilens, welche in Deutschland, das durch eine Verlagslandschaft und kommerzielle Bildungsanbieter geprägt ist, noch keine Tradition hat. Der Grundgedanke hinter dem Open Education Movement ist, Bildung als Gemeingut zu denken. Die Grundvoraussetzung ist, dass wir Bildungsideen, -materialien und -tools nicht zurückhalten, sondern allen frei zur Verfügung stellen.

Dr. Christine Kolbe, Projektleiterin mediale pfade.org

Mit OER-Materialien kann ein vielfältiger Materialpool erschaffen werden. Je mehr Pädagogen sich beteiligen, desto mehr wird der einzelnen Lehrkraft schließlich die Materialsuche für den Unterricht erleichtert. Ebenso kann die Möglichkeit zur  Anpassung und Adaption vorhandener Materialien auch Inspiration für weiteres Material oder die Gestaltung des Unterrichts liefern. Auch können die Kosten für Bildungsmaterialien reduziert bzw. in Teilen verschoben werden, da die üblichen Lizenz- und Nutzungsgebühren entfallen.
Darüber hinaus hat OER-Material einen besonderen Mehrwert für Schülerinnen und Schüler. Zum einen erlaubt die inhaltliche oder technische Bearbeitung von offenen Bildungsmaterialien eine Anpassung an verschiedene Lernniveaus oder unterschiedliche Lerngruppen, an das lokale Curriculum oder den Stundenplan, und kann damit auf die Individualisierung des schulischen Lernens einzahlen. Aber auch der Schüler selbst erhält eine aktive, partizipative Rolle im Bildungsprozess, wenn er Material selbst gestalten kann. Schülerinnen und Schüler können ihre Lernergebnisse anderen zur Verfügung stellen, indem sie selbst OER produzieren. Die Lernmittel-Produktion wird somit zu einem Teil der Didaktik.


Qualität von OER prüfen und sichern

Durch den Anstieg der verfügbaren Angebote wird auch die Aufgabe der Qualitätssicherung von OER-Material komplizierter. Da das Material von jedem bearbeitet und weiterverbreitet werden kann, besteht keine Gewährleistung für dessen Qualität. Gemeinhin gilt die Qualitätssicherung somit als größte Herausforderung für OER.
Derzeit gibt es in Deutschland keine übergeordnete Instanz, die das Material prüft oder ein Siegel drauf vergibt. Im KMK-Strategiepapier wird diesbezüglich die Einrichtung einer länderübergreifenden Institution für OER angekündigt, gleichzeitig sind auch die Länder dazu aufgefordert, Maßnahmen zur Qualitätssicherung digitaler Bildungsmittel einzuführen.
Abgesehen davon kontrollieren die Mitglieder der einzelnen Netz-Communities und -Plattformen das über sie zur Verfügung gestellte OER-Material. Wie die Portale Qualität prüfen und kennzeichnen ist ihnen jedoch selbst überlassen. Da jeder Autor eines freien Bildungsmaterials mit seinem Namen für die Qualität des Inhalts steht, kann man hoffen, dass dieser auch für die Qualität der erstellten Materialien einsteht. Die Hauptverantwortung für die Auswahl geeigneter Unterrichtsmaterialien liegt jedoch letztlich bei der Lehrkraft. Jeder Lehrer und jede Lehrerin sollte vor der Nutzung im Unterricht selbst prüfen, ob das verwendete Material fachlich korrekt ist und didaktisch Sinn ergibt.

Kuratierte OER-Sammlung auf der edulabs-Plattform

Auf der Plattform edulabs.de findet man eine kuratierte fortlaufende Sammlung von OER-Materialien mit offenen Lizenzen (CC-BY oder CC-BY-SA), die den Schwerpunkt auf digitale Bildung legen und, neben Fach, Zielgruppe, Medieneinsatz und Dauer, nach den einzelnen digitalen Kompetenzen der KMK-Strategie “Bildung in der digitalen Welt” filterbar sind. Die Liste basiert auf Empfehlungen aus der pädagogischen Praxis, und wird von der Redaktion aus der edulabs-Community anhand eines veröffentlichten Kriterienkatalogs bewertet. Für Lehrkräfte ist die Qualität jedes einzelnen Materials so leicht nachzuvollziehen.

Das Projekt edulabs ist Teil des OERinfo-Förderprogramms des BMBF und möchte offene Bildungsmaterialien und freies Wissen in der Bildung voranbringen und insbesondere mit digitaler Bildung verknüpfen. Darüber hinaus organisiert das Projekt in mehreren Regionen sogenannte Lab-Treffen, in denen selbstorganisierte interdisziplinäre Teams zusammen Projekte für offene Bildung entwickeln.

OER durch einen Kulturwandel in der Schulpraxis verankern

Generell kann jede Lehrkraft OER einsetzen, die ihr didaktisch und methodisch sinnvoll erscheinen. Um möglichst viele Lehrkräfte an die Thematik heranzuführen und OER neben gängigen Unterrichtsmaterialien im Schulalltag zu verankern, empfiehlt sich jedoch ein systemisch-struktureller Ansatz. Die Einführung von OER muss über die Schulleitung und letztlich einen Wandel in der Schulkultur in die Schule kommen. Daher empfiehlt es sich, zuallererst klare Regelungen in Bezug auf das Urheberecht und Nutzungsrechte für Material, das von Lehrkräften erstellt wird, sowie zu der Art und Weise, wie es mit den Kolleginnen und Kollegen oder über OER-Plattformen geteilt und genutzt wird, zu schaffen. Mit diesen Grundfragen müssen sich Lehrkräfte und Schulleitung auseinandersetzen. Denn für die Förderung einer „Kultur des Teilens“ müssen notwendigen Voraussetzungen, wie Vertrauen, Teamarbeit und ein Wir-Gefühl unter den Lehrkräften geschaffen werden. Dabei können bauliche, organisatorische und strukturelle Maßnahmen helfen. So z. B. die Einrichtung von Lehrerarbeits- und Fachbereichsräumen, Möglichkeiten eines institutionalisierten Austauschs durch effektive Nutzung von Freistunden und Präsenztagen, aber auch der Aufbau einer „Feedback-Kultur“ durch Möglichkeiten des Teamteachings und der kollegialen Unterrichtsreflexion.
Zudem braucht es Richtlinien im Bereich Personal: Inwiefern ist die Erstellung von Lernmaterialien Teil der Tätigkeit und was bringt das für die einzelne Lehrkraft mit sich? In welcher Form kann es honoriert werden, z. B. über die Befreiung von Unterrichtsverpflichtungen? Die Frage der Qualifizierung von Lehrkräften in Themen von OER spielt dabei eine zentrale Rolle. Lehrkräfte, die OER suchen und nutzen, selbst erstellen oder bearbeiten wollen, benötigen entsprechende Kompetenzen. Erforderlich ist insbesondere Wissen zum bestehenden Urheberrecht und den darauf basierenden freien Lizenzen, wie den hauptsächlich genutzten Creative Commons-Lizenzen. Zudem braucht es technisches Können für das Herunterladen, Bearbeiten und Verbreiten der meist digital vorliegenden OER-Materialien. Auch didaktische Aspekte durch neue Lehr- und Lernszenarien mit OER müssen in Qualifizierungsmaßnahmen bedacht werden. Da sich Fragen oder Probleme oftmals erst während der konkreten praktischen Nutzung von OER eröffnen, gilt es, Lehrkräften fortlaufend Unterstützungsangebote oder Austauschformate zu bieten. Diesbezüglich ist es auch wichtig, an der Schule Richtlinien zur Materialentwicklung und eine Qualitätssicherungsstrategie zu entwickeln, um eine angemessene Auswahl, Entwicklung, Qualitätssicherung von OER und die Klärung von Urheberrechtsfragen sicherzustellen.
Außerdem ist der Aspekt zu bedenken, dass freie Bildungsmaterialien nicht per se kostenfrei sind. Die Erstellung, Verbreitung, Qualitätssicherung und Qualifizierung zur Nutzung sind mit Kosten verbunden. So zum Beispiel für Arbeitszeit für die Entwicklung von Lehrplänen und Material, die Adaption von vorhandenem OER-Material und der Klärung von Lizenzfragen sowie Begleitkosten für Informations- und Kommunikationsstrukturen. Wie und von wem dies finanziert werden soll, ist Teil der Debatten um OER.

Hilfreiche Links zur Implementierung von OER-Materialien

OER-Infos
OERinfo – nationale OER Informationsstelle
Umfangreiches OER-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung
 

Linklisten zu OER-Plattformen und co.
OER World Map mit OER-Initiativen weltweit
Auflistung mit OER-Verzeichnissen und -Services
Kommentierte Linkliste der Bundeszentrale für politische Bildung für unterschiedliche Lehrfächer
 

Urheberrecht und CC-Lizenzen
iRights.info Informationsangebot zum Urheberrecht in der digitalen Welt
Suche nach CC-lizensierten Inhalten im Netz

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